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Wel­che Auf­ga­ben war­ten auf die neue Regierung?

Lie­fer­eng­päs­se sind in immer mehr Bran­chen ein The­ma. Bei Arz­nei­mit­teln ist das Pro­blem nicht neu. Aber so drän­gend, dass es sich die neue Bun­des­re­gie­rung jetzt vor­neh­men muss – für mehr Ver­sor­gungs­si­cher­heit in Deutschland.

Unser The­ma beim “Dia­log am Mittag”

Wo sehen Apo­the­ker und Apo­the­ke­rin­nen die drän­gends­te Auf­ga­be? Wel­che Ideen haben die Kran­ken­kas­sen? Was brau­chen Gene­ri­ka­her­stel­ler, um die Ver­sor­gung sta­bi­li­sie­ren zu kön­nen? Und wie kann die Poli­tik sinn­voll ein­grei­fen? Das frag­ten wir die Akteu­re der Arzneimittel-Versorgung!

Mit Mode­ra­to­rin Rebec­ca Beer­hei­de (Deut­sches Ärz­te­blatt) dis­ku­tier­ten Anne-Kath­rin Klemm, (Abtei­lungs­lei­te­rin Poli­tik und Kom­mu­ni­ka­ti­on, BKK Dach­ver­band), Tho­mas Mül­ler (Lei­ter Abtei­lung 1, Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Gesund­heit) Gabrie­le Regi­na Over­wiening (Prä­si­den­tin ABDA) und Andre­as Burk­hardt, Vor­stand Pro Gene­ri­ka, Gene­ral Mana­ger Teva Deutsch­land & Österreich.

Andre­as Burk­hardt: So hän­gen Kos­ten­druck und Ver­sor­gungs­si­cher­heit zusammen

An einem aktu­el­len Bei­spiel mach­te Andre­as Burk­hardt die Pro­ble­ma­tik von Lie­fer­eng­päs­sen deut­lich. Für Vin­cris­tin – ein Wirk­stoff, der etwa zur Behand­lung unter­schied­li­cher Lym­phome ein­ge­setzt wird –  hat­te es jüngst einen Eng­pass gege­ben, der mit­tel­fris­tig wie­der­auf­tau­chen könn­te. Burk­hardt nann­te den Grund: „Der bis­he­ri­ge Wirk­stoff­lie­fe­rant stell­te die Pro­duk­ti­on ein, da die­se auf­grund der Kom­ple­xi­tät und der gerin­gen Mar­ge nicht mehr ren­ta­bel war.“ Eine Ent­schei­dung, die für die Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten fatal wer­den kann, denn das Arz­nei­mit­tel ist in der The­ra­pie nicht durch ein ande­res ersetzbar.

Andre­as Burkhardt

Gene­ral Mana­ger Teva Deutsch­land & Österreich

Die Pro­ble­me in der Ver­sor­gung sind sys­tem­im­ma­nent. Das Sys­tem ist dar­auf getrimmt, den güns­tigs­ten Preis zu erzie­len. Das ist ein Feh­ler. Wir brau­chen ein nach­hal­ti­ge­res System.

Der Vin­cris­tin-Eng­pass, so Burk­hardt, sei sym­pto­ma­tisch für ver­schie­de­ne Wirk­stof­fe, die zwar medi­zi­nisch not­wen­dig sei­en, deren Pro­duk­ti­on aber hoch­kom­plex und unren­ta­bel sei. Die­ser Umstand füh­re sowohl zu einer erheb­li­chen Markt­ver­en­gung auf Ebe­ne der Wirk­stoff­her­stel­ler als auch auf der der Fertigarzneimittelhersteller.

 „Die­ses Span­nungs­feld Öko­no­mie ver­sus medi­zi­ni­sche Not­wen­dig­keit wird nicht sau­ber gespielt. Es gibt eine Preis­re­gu­la­ti­on – kei­nen frei­en Markt, in dem Ange­bot und Nach­fra­ge den Preis regeln. Der Preis ist fest­ge­legt – unab­hän­gig davon, wie vie­le Anbie­ter es auf dem Markt gibt. Die Anbie­ter wer­den in der Fol­ge immer weni­ger. Am Ende sind nur noch zwei übrig“, erläu­tert Burkhardt.

Mehr Ver­sor­gungs­si­cher­heit durch mehr „Made in Europa“?

Abseits von der Benen­nung ver­sor­gungs­kri­ti­scher Wirk­stof­fe, die wie­der in der EU her­ge­stellt wer­den sol­len, feh­le es bis­lang an kon­kre­ten Maß­nah­men, wie die Pro­duk­ti­on gestärkt wer­den kön­ne. „Bei den Unter­neh­men ist fak­tisch bis­her nichts ange­kom­men“, so Burk­hardt. Es wer­de zwar über Anreiz­sys­te­me wie etwa Sub­ven­tio­nen für mehr Pro­duk­ti­on in Euro­pa debat­tiert – aber nicht mit den Unter­neh­men selbst.

Das Bei­spiel San­doz im öster­rei­chi­schen Kundl, die mit finan­zi­el­ler Unter­stüt­zung aus öffent­li­chen Mit­teln, die hei­mi­sche Peni­cil­lin­pro­duk­ti­on für meh­re­re Jah­re sicher­stellt, zei­ge etwa, das zuge­si­cher­te Abnah­me­men­gen und staat­li­che Inves­ti­tio­nen Pla­nungs­si­cher­heit für die Her­stel­ler gewähr­leis­ten kön­nen, führ­te Burk­hardt aus.

Tho­mas Mül­ler: Es braucht ande­re Ver­ga­be­kri­te­ri­en als nur den Preis

Das woll­te Mül­ler so nicht ste­hen las­sen. Er beton­te, dass Lie­fer­eng­päs­se poli­tisch schon län­ger ein The­ma sei­en. Noch-Gesund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn habe das The­ma Ver­sor­gungs­si­cher­heit wäh­rend der EU-Rats­prä­si­dent­schaft 2020 in den Fokus gerückt. „Es ist im Grund­satz ein euro­päi­sches Pro­blem“, so Mül­ler. Denn ver­sor­gungs­kri­ti­sche Wirk­stof­fe wie Vin­cris­tin brau­che nicht nur Deutsch­land, son­dern die gesam­te EU. Um die­sen Her­aus­for­de­run­gen zu begeg­nen, habe Deutsch­land ver­schie­de­ne Vor­schlä­ge gemacht: die Trans­pa­renz der Her­stel­lungs­ket­ten als Grund­la­ge für Beschaf­fungs­ent­schei­dun­gen, die Ver­bes­se­rung der Regu­la­to­rik, die Schaf­fung von Anrei­zen zur Diver­si­fi­zie­rung, indem etwa Euro­pa als Pro­duk­ti­ons­stand­ort infra­ge kommt, und die Eta­blie­rung von Inves­ti­ti­ons­an­rei­zen für Produktionsstandorte.

Tho­mas Müller

Lei­ter Abtei­lung 1, BMG

Bei Gene­ri­ka ist ein gewis­ser Boden­satz beim Pri­cing erreicht.

Für die kom­men­de Legis­la­tur-Peri­ode schlug Mül­ler vor, die Preis­ge­stal­tung der paten­tier­ten und hoch­prei­si­gen Medi­ka­men­te unter die Lupe zu neh­men, die deut­lich höhe­re Mar­gen auf­wei­sen als Gene­ri­ka. Zugleich führ­te er an, dass es in den Rabatt­ver­trä­gen wei­te­re Zuschlags­kri­te­ri­en brau­che, als nur den güns­tigs­ten Preis. Mül­ler: „Wir brau­chen für exis­ten­zi­el­le Ver­sor­gungs­be­rei­che wie Arz­nei­mit­tel Ergän­zun­gen im Ver­ga­be­recht. Die­se sol­len es den Kas­sen ermög­li­chen, Din­ge wie Öko­lo­gie und Ver­sor­gungs­si­cher­heit mit zu berück­sich­ti­gen. Das ist ein dickes Brett.”

Gabrie­le Regi­na Over­wiening: Gelo­cker­te Abga­be­re­geln müs­sen bleiben

Die Tat­sa­che, dass die Zahl der Lie­fer­eng­päs­se in die­sem Jahr zwar ähn­lich hoch wie im ver­gan­ge­nen gewe­sen, das Hand­ling damit aber ein­fa­cher gewor­den sei, hängt nach Ansicht von Over­wiening mit der SARS-CoV-2- Arz­nei­mit­tel­ver­sor­gungs­ver­ord­nung zusam­men. Sie ermög­licht Apo­the­ken mehr “Bein­frei­heit”, sprich: eine Locke­rung der Abga­be­re­geln bei rabat­tier­ten Arz­nei­mit­teln. Gleich­zei­tig unter­strich Over­wiening: “85 bis 90 Pro­zent der Apo­the­ker bezei­chen Lie­fer­eng­päs­se als das größ­te Ärger­nis im Berufs­all­tag — das sind viel mehr als noch vor zehn Jahren!”

Gabrie­le Regi­na Overwiening

Prä­si­den­tin ABDA

Gesund­heit ist nicht alles, aber ohne Gesund­heit ist alles nichts. Gesund­heit darf etwas kosten.

Over­wiening sprach sich dafür aus, die­se Locke­rung auch nach der Coro­na-Pan­de­mie bei­zu­be­hal­ten. Man habe sei­tens der Apo­the­ken die „Bein­freiheit“ und die Ent­schei­dungs­ho­hei­ten sinn­voll genutzt. Ein For­de­rung, die in Erfül­lung gehen könn­te. Zumin­dest kün­dig­te Mül­ler Gesprä­che dar­über für die ers­te Jah­res­hälf­te 2022 an.

Ver­sor­gungs­si­cher­heit lie­ge, so Over­wienings Ein­schät­zung, indes klar in der Ver­ant­wor­tung der Poli­tik: „Wenn die Poli­tik erwar­tet, dass Apo­the­ken eine gute und ver­ant­wor­tungs­vol­le Ver­sor­gung hin­krie­gen, dann muss die Poli­tik auch ein Erwar­tungs­ma­nage­ment erzeu­gen, dass eine gute und ver­läss­li­che Ver­sor­gung etwas kos­ten darf.“

Wenn durch fest­ge­leg­te Prei­se, also die Pro­duk­ti­on ein­zel­ner Arz­nei­mit­tel, nicht mehr mög­lich ist, muss dafür auch die Ver­ant­wor­tung über­nom­men und darf nicht abge­scho­ben werden.

Sie appel­lier­te an alle Betei­lig­ten, Arz­nei­mit­tel nicht zu tri­via­li­sie­ren: „ Es heißt: Gesund­heit ist nicht alles, aber ohne Gesund­heit ist alles nichts. Des­halb darf Gesund­heit auch etwas kosten“

Anne-Kath­rin Klemm: EU-Pro­duk­ti­on nicht aus dem GKV-Fond finanzieren

Anne-Kath­rin Klemm wies dar­auf hin, dass man zwi­schen Lie­fer- und Ver­sor­gungs­eng­päs­sen unter­schei­den müs­se. Das habe man bis­lang ganz gut geschafft. Gleich­zei­tig warb sie um Ver­ständ­nis für die Hal­tung der Kas­sen. Die­se woll­ten natür­lich Geld sapren, um den Zusatz­bei­trag so gering wie mög­lich zu halten.

Anne Kath­rin Klemm

Lei­te­rin der Abtei­lung Poli­tik BKK-Dachverband

Umwelt­stan­dards und resi­li­en­te Lie­fer­ket­ten soll­ten Aus­schrei­bungs­kri­te­ri­en wer­den. Kas­sen könn­ten damit werben.

Klemm zeig­te sich offen dafür, im Ver­ga­be­sys­tem neben dem Preis auch Fak­to­ren wie Umwelt­stan­dards und resi­li­en­te Lie­fer­ket­ten in den Fokus zu neh­men. Damit könn­te die Kas­sen auch im Wett­be­werb punk­ten — was sie aktu­ell nicht dürften. 

Außer­dem sprach sie über die Finan­zie­rung einer Re-Loka­li­sie­rung der Arz­nei­mit­tel­pro­duk­ti­on: „Und wenn die Pro­duk­ti­on nach Euro­pa geholt wird, dann wäre mein Wunsch, die Finan­zie­rung bit­te aus Steu­er- oder EU-Gel­dern, nicht aus dem gro­ßen GKV-Fond.“

Hier kön­nen Sie sich die Podi­um­dis­kus­si­on ansehen: