Globale Kettenreaktion

Die weltweiten Lieferketten bei Arzneimitteln können Störungen kaum noch verkraften. Das gefährdet das Wohl von Millionen Menschen. Der Fehler liegt im System.

Endlos-Schlangen vor Europas Schlagbäumen, nationale Exportstopps für wichtige Arzneimittel und Intensivmediziner, die um ausreichend Narkosemittel für ihre Covid-19-Patienten bangen: Die Pandemie hat uns allen gezeigt, wie abhängig wir bei der Arzneimittelversorgung von Asien sind, wie fragil globale Lieferketten sind.

Stand: Januar 2022

Zwar ist der Versorgungsengpass ausgeblieben. Alle Patienten – und gerade auf den Intensivstationen kam es für Covid-19-Patienten fast durchweg auf Generika an – konnten behandelt werden. Das aber war nur möglich, weil Generika-Hersteller einen beispiellosen Kraftakt vollbrachten und pragmatische Hilfe von Politik und Behörden erhielten.

Was bedeuten diese Endlos-Lieferketten für unsere Arzneimittelversorgung in Krisenzeiten? Welche weiteren Szenarien bedrohen unsere Lieferketten? Und wie lässt sich die Abhängigkeit von Asien reduzieren oder zumindest abmildern?

Viele Generika werden in Asien produziert, die Lieferketten sind lang.

Tatsache ist: Das Problem anfälliger Arzneimittel-Lieferketten betrifft vor allem Generika, denn diese werden mehr und mehr in Asien produziert. Zwei Drittel der hierzulande benötigten Wirkstoffe stammen aus China oder Indien, nur noch ein Drittel wird in Europa hergestellt. Das hat die 2020 erschienene Pro Generika-Wirkstoffstudie gezeigt.

Um zu verstehen, warum die Abhängigkeit von Asien gefährlich ist und Arzneimittel-Lieferketten so anfällig für Erschütterungen sind, lohnt zunächst ein Blick auf die Produktion. Sie erstreckt sich zum Teil über den gesamten Globus.

 

Das ist die Lieferkette eines Generikums

Ein typisches Generikum legt auf seinem Weg vom Hinterland Chinas über Indien nach Europa rund 10.000 Kilometer zurück. Eine kleine Störung der Lieferkette – und bei uns kann es zum Engpass kommen.

Blutdrucksenker, Schmerzmittel oder Antibiotika haben Lieferketten, die sich über Weltmeere und Kontinente erstrecken. Eine Tatsache, die für Millionen Menschen in Krisenzeiten zum Problem werden kann. Denn: Generika stemmen über 80 Prozent des täglichen Bedarfs.

Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen über Bluthochdruck bis hin zu chronischen Schmerzen werden genauso mit Generika behandelt wie Patientinnen mit Brustkrebs oder Parkinson. Insgesamt produziert die Generika-Industrie 35,7 Milliarden Tagesdosen pro Jahr. Im Jahr 2022 wurden allein für Herz-Kreislauf-Patienten rund 17 Milliarden Tagestherapiedosen durch Generika bereitgestellt – ein Großteil von ihnen mit einer Lieferkette von rund 10.000 Kilometern.

Die Abwanderung der Produktion erfolgte vor allem aus Kostengründen. So kostet die Tagestherapiedosis eines Generikums inzwischen nur noch sechs Cent. Warum das zum Problem werden kann? Dafür lohnt ein Blick ins Detail!

 

So wird ein Blutdrucksenker produziert

Wirkstoffe, die in großen Mengen benötigt werden, kommen oft aus Asien. Das sind Arzneimittel, die bei Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder chronischen Schmerzen eingesetzt werden. Viele von ihnen legen eine Weltreise in Etappen zurück.

Blutdrucksenker, meist in Tablettenform, werden von Millionen Menschen in Deutschland täglich benötigt.

Die Lieferkette reicht von China über Indien bis zu uns nach Europa. Der Transport erfolgt per Zug; über die Weltmeere geht es mit dem Schiff.

Die Vorstufen des Wirkstoffs werden im chinesischen Hinterland produziert. Die Weiterverarbeitung erfolgt in einer Fabrik am Ostchinesischen Meer, dann geht es weiter nach Indien.

An der Ostküste Indiens erfolgt der nächste Produktionsschritt. Dann geht es auf dem Landweg quer durch den Subkontinent. An dessen Westküste wird das Fertigarzneimittel hergestellt und verpackt.

Über den Suezkanal reist das Arzneimittel weiter bis zum Hafen in Rotterdam. Von dort geht es über den Großhändler in die Apotheke zu uns.

Anders – aber oft nicht weniger global – ist die Lieferkette eines flüssigen Arzneimittels. Etwa ein Reserve-Antibiotikum, das in der Krankenhausversorgung benötigt wird.

Reserve-Antibiotika sind für viele Patienten die letzte Rettung. Sie kommen vor allem in Krankenhäusern zum Einsatz. Sie wirken, wenn nichts mehr hilft. Ihre Verabreichung erfolgt parenteral, also per Spritze.

Bei diesen Arzneimitteln stammt eine unerlässliche Wirkstoffkomponente aus Asien. Eine andere wird in Europa hinzugefügt, wo auch das Fertigarzneimittel entsteht.

 

So wird ein Reserve-Antibiotikum produziert

Ein wichtiger Wirkstoff dieser lebensrettenden Medikamente wird in China produziert. Ein weiterer Produktionsschritt erfolgt in Europa.

Reserve-Antibiotika werden vor allem in Kliniken benötigt. Sie kommen zum Einsatz, wenn kein anderes Antibiotikum mehr wirkt. Sie sind täglich die letzte Rettung für schwer kranke Menschen.

Für die Herstellung sind zwei Wirkstoffe unerlässlich: Einer stammt aus China, der zweite wird in Europa produziert. Hier entsteht auch das Fertigarzneimittel.

Das Problem bei diesem unerlässlichen Arzneimittel: Für die eine Wirkstoffkomponente, die hier aus China kommt, gibt es weltweit nur maximal drei Produktionsstätten.

Die andere Wirkstoffkomponente entsteht an mehreren Stellen Europas und wird in Portugal mit der chinesischen Komponente zum Fertigarzneimittel verarbeitet.

Dann gelangt sie über den Seeweg in die deutschen Krankenhäuser.

Welchen Gefahren sind Arzneimittel-
Lieferketten ausgesetzt?

Wenn sich Produktion und Transport über 10.000 Kilometer erstrecken, kann einiges schiefgehen: eine Explosion im chinesischen Werk, ein Stau im Suezkanal, ein Ausfuhrstopp Indiens. Wenn Lieferketten ins Stocken geraten oder gar unterbrochen werden, sind die Folgen oft fatal. Das hat die Vergangenheit gezeigt.

Im August 2015 kam es zu Explosionen im Containerhafen von Tianjin. Es starben 173 Menschen. Die Folgen für den Welthandel waren fatal. Auch pharmazeutische Produktionsstätten waren betroffen.

Im März 2021 verkeilte sich das Containerschiff „Ever Given“ im Suezkanal. Die Verkehrsader war für sechs Tage blockiert, hunderte Schiffe konnten nicht weiter. Engpässe in vielen Branchen waren die Folge.

Im März 2020, in der ersten Welle der Corona-Pandemie, schloss Deutschland wie andere Staaten seine Grenzen. Kilometerlange Lkw-Staus waren die Folge – ein Drama für die Versorgung.

Im August 2021 musste ein Terminal in Ningbo-Zhoushan, Chinas zweitgrößtem Frachthafen, geschlossen werden. Der Grund: Ein Corona-Ausbruch.

Ein einziger Schock, eine kleine Unterbrechung – und die gesamte Lieferkette gerät ins Stocken. Ein Stocken, das oftmals nicht überbrückt werden kann. Warum werden Arzneimittel dann nicht in Europa produziert?

Noch im Jahr 2000 entfielen die Neuzulassungen der hierzulande benötigten Wirkstoffe vornehmlich auf Europa, auf Asien lag nur etwa ein Drittel. In den vergangenen 20 Jahren hat sich das Verhältnis umgekehrt. Treiber dieser Entwicklung ist der Kostendruck auf Generika. Je billiger diese werden mussten, umso mehr suchten die Hersteller nach Möglichkeiten, die Kosten zu senken. Sie fanden diese auch in Produktionsstätten in Fernost.

Indien und China verstehen sich als Apotheken der Welt

Gleichzeitig ergriffen China und Indien die Chance, den Ausbau der pharmazeutischen Industrie mit Fördermitteln voranzutreiben. So immens sind inzwischen die dortigen Produktionskapazitäten, so massiv die zu erzielenden Skaleneffekte, dass europäische Produktion kaum mehr konkurrenzfähig ist.

Staatliche Förderung für Indiens Pharma-Produktion

Bis heute hält der staatlich gelenkte Aufbau der Produktionskapazitäten an. Im Jahr 2020 hat die indische Regierung ein Förderprogramm aufgelegt, das die heimische Wirkstoffproduktion subventioniert. Damit will sie einerseits unabhängiger von Einfuhren und andererseits konkurrenzfähig mit China werden. Denn: Chinesische Wirkstoffe sind im Schnitt 20 Prozent günstiger als indische.

Was aber muss geschehen, um die Abhängigkeit zu reduzieren, Lieferketten zu stärken und weniger anfällig zu sein für Versorgungsengpässe? Vorschläge, wie die Lieferketten bei Arzneimitteln wieder gestärkt werden können, gibt es viele.

Viele appellieren an die Generika-Hersteller, ihre Lieferketten mehr auf Stabilität auszulegen. Andere rufen nach größeren Lagern, mit denen man glaubt vorübergehende Engpässe überbrücken zu können. Wie praktikabel sind diese Vorschläge?

 

Arzneimittellager:
die Lösung gegen Engpässe?

Der Ruf nach mehr Lagerhaltung ignoriert eine einfache Tatsache:
Arzneimittel laufen ab.

Auf den ersten Blick scheint es logisch: Wenn die Hersteller mehr Arzneimittel auf Lager haben, können sie Engpässe überbrücken. Dennoch greift dieser Vorschlag zu kurz.

Schon jetzt hat jeder Hersteller in Deutschland Zugriff auf Generika für etwa vier Monate. Für diesen Zeitraum liegen faktisch immer Bestände auf Lager. Wer diese Zeit noch verlängern will, stößt an wirtschaftliche, logistische und ökologische Grenzen. Und das hat vor allem mit dem Ablaufdatum von Arzneimitteln zu tun.

Arzneimittel haben eine limitierte Haltbarkeit. Legt man sie auf Lager, besteht die Gefahr, sie vernichten zu müssen.

Zwar laufen Arzneimittel theoretisch erst nach 24 Monaten ab. Nichtsdestotrotz lassen sie sich aber nur neun bis 14 Monate verkaufen. Gelingt es dem Hersteller nicht, sie innerhalb dieses kurzen Zeitfensters loszuwerden, müsste Ware massenhaft vernichtet werden – mit hohen unnötigen Belastungen für die Umwelt.

Das Einpreisen von Entsorgungskosten und die Kompensation der Erlösausfälle für die vernichtete Ware sind bei den generikatypischen niedrigen Margen unmöglich. Hersteller würden sich bei vielen Arzneimitteln sehr genau überlegen müssen, ob sie sie noch kostendeckend produzieren können, und sich im Zweifel aus der Versorgung zurückziehen – mit fatalen Folgen für die Patientinnen und Patienten, die die Wirkstoffe dringend benötigen.

Stabilere Lieferketten:
Aufgabe des Herstellers?

Mehr Stabilität der Versorgung wäre möglich, kostet aber Geld.
Und genau deshalb ist sie nicht umsetzbar.

Tatsächlich gibt es Maßnahmen, die die Lieferketten stabilisieren könnten und die Versorgung mit Generika wieder sicherer machen würden.

So könnte ein Hersteller seinen Wirkstoff etwa aus zwei Quellen beziehen, die in unterschiedlichen Teilen der Welt verortet sind. Dann hätte er immer noch die Hälfte des Wirkstoffs, wenn einer der Zulieferer Lieferprobleme hat. Oder er könnte ein Arzneimittel an zwei Orten produzieren, so dass – falls ein Werk ausfällt – das andere die Produktion ausgleichen könnte.

Warum das gut klingt, aber im Ausschreibungssystem derzeit nicht möglich ist, erklärt Andreas Burkhardt, Geschäftsführer bei Teva Deutschland.

Neue Rahmenbedingungen:
eine Aufgabe für die Politik!

Wenn der Markt ein Problem nicht lösen kann, muss die Politik es tun. Warum es jetzt Zeit ist zu handeln.

Es mangelt nicht an Stellschrauben, die – in die richtige Richtung gedreht – Lieferketten wieder stabiler machen und so die Versorgung mit lebenswichtigen Arzneimitteln verlässlich garantieren.

Jedoch: Kein Marktteilnehmer allein kann an diesen Schrauben drehen. Das lässt das System des maximalen Kosten- und Effizienzdrucks nicht zu.

Es braucht neue Rahmenbedingungen

Es ist an der Politik, das von ihr geschaffene System neu auszurichten und die gesetzlichen Rahmenbedingungen anzupassen. Indem sie abrückt vom obersten Dogma des Sparens, dessen Folge fragile Lieferketten und Lieferengpässe bei Arzneimitteln sind.

Generika stemmen über 80 Prozent der Versorgung mit Arzneimitteln in Deutschland. Ihre Lieferketten robuster und nachhaltiger zu machen, muss oberste Priorität haben.

Es ist Zeit, dass die Politik gesetzliche Rahmenbedingungen ändert. Sie muss für die Krankenkassen-Ausschreibungen verbindlich vorschreiben, dass mehrere Rabattvertragspartner den Zuschlag erhalten. Außerdem muss es weitere Kriterien in den Ausschreibungen geben, nicht nur den billigsten Preis – sondern Kriterien, die die Lieferketten wieder stabilisieren. Und die neue Regierung muss – wie Indien es vormacht – die Produktion wichtiger, vorher definierter Wirkstoffe in Europa unterstützen, wenn sie hierzulande kostendeckend nicht produziert werden können. Nur so werden wir unabhängiger von der Einfuhr aus Asien. Und sorgen bestmöglich für die nächste Krise vor, die noch viel größere Erschütterungen der Lieferketten parat halten kann als diese.

Die Stellschrauben sind klar, Ideen und Vorschläge liegen auf dem Tisch (und stehen in unserem Positionspapier).

Jetzt ist Zeit zu handeln.