Globale Kettenreaktion
Die weltweiten Lieferketten bei Arzneimitteln können Störungen kaum noch verkraften. Das gefährdet das Wohl von Millionen Menschen. Der Fehler liegt im System.
Die weltweiten Lieferketten bei Arzneimitteln können Störungen kaum noch verkraften. Das gefährdet das Wohl von Millionen Menschen. Der Fehler liegt im System.

Stand: Januar 2022

![]()
Ein typisches Generikum legt auf seinem Weg vom Hinterland Chinas über Indien nach Europa rund 10.000 Kilometer zurück. Eine kleine Störung der Lieferkette – und bei uns kann es zum Engpass kommen.

Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen über Bluthochdruck bis hin zu chronischen Schmerzen werden genauso mit Generika behandelt wie Patientinnen mit Brustkrebs oder Parkinson. Insgesamt produziert die Generika-Industrie 35,7 Milliarden Tagesdosen pro Jahr. Im Jahr 2022 wurden allein für Herz-Kreislauf-Patienten rund 17 Milliarden Tagestherapiedosen durch Generika bereitgestellt – ein Großteil von ihnen mit einer Lieferkette von rund 10.000 Kilometern.
Die Abwanderung der Produktion erfolgte vor allem aus Kostengründen. So kostet die Tagestherapiedosis eines Generikums inzwischen nur noch sechs Cent. Warum das zum Problem werden kann? Dafür lohnt ein Blick ins Detail!
![]()
Wirkstoffe, die in großen Mengen benötigt werden, kommen oft aus Asien. Das sind Arzneimittel, die bei Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder chronischen Schmerzen eingesetzt werden. Viele von ihnen legen eine Weltreise in Etappen zurück.






![]()
Ein wichtiger Wirkstoff dieser lebensrettenden Medikamente wird in China produziert. Ein weiterer Produktionsschritt erfolgt in Europa.





Wenn sich Produktion und Transport über 10.000 Kilometer erstrecken, kann einiges schiefgehen: eine Explosion im chinesischen Werk, ein Stau im Suezkanal, ein Ausfuhrstopp Indiens. Wenn Lieferketten ins Stocken geraten oder gar unterbrochen werden, sind die Folgen oft fatal. Das hat die Vergangenheit gezeigt.




Noch im Jahr 2000 entfielen die Neuzulassungen der hierzulande benötigten Wirkstoffe vornehmlich auf Europa, auf Asien lag nur etwa ein Drittel. In den vergangenen 20 Jahren hat sich das Verhältnis umgekehrt. Treiber dieser Entwicklung ist der Kostendruck auf Generika. Je billiger diese werden mussten, umso mehr suchten die Hersteller nach Möglichkeiten, die Kosten zu senken. Sie fanden diese auch in Produktionsstätten in Fernost.
Gleichzeitig ergriffen China und Indien die Chance, den Ausbau der pharmazeutischen Industrie mit Fördermitteln voranzutreiben. So immens sind inzwischen die dortigen Produktionskapazitäten, so massiv die zu erzielenden Skaleneffekte, dass europäische Produktion kaum mehr konkurrenzfähig ist.
Bis heute hält der staatlich gelenkte Aufbau der Produktionskapazitäten an. Im Jahr 2020 hat die indische Regierung ein Förderprogramm aufgelegt, das die heimische Wirkstoffproduktion subventioniert. Damit will sie einerseits unabhängiger von Einfuhren und andererseits konkurrenzfähig mit China werden. Denn: Chinesische Wirkstoffe sind im Schnitt 20 Prozent günstiger als indische.
Was aber muss geschehen, um die Abhängigkeit zu reduzieren, Lieferketten zu stärken und weniger anfällig zu sein für Versorgungsengpässe? Vorschläge, wie die Lieferketten bei Arzneimitteln wieder gestärkt werden können, gibt es viele.
![]()
Der Ruf nach mehr Lagerhaltung ignoriert eine einfache Tatsache:
Arzneimittel laufen ab.
Schon jetzt hat jeder Hersteller in Deutschland Zugriff auf Generika für etwa vier Monate. Für diesen Zeitraum liegen faktisch immer Bestände auf Lager. Wer diese Zeit noch verlängern will, stößt an wirtschaftliche, logistische und ökologische Grenzen. Und das hat vor allem mit dem Ablaufdatum von Arzneimitteln zu tun.
Zwar laufen Arzneimittel theoretisch erst nach 24 Monaten ab. Nichtsdestotrotz lassen sie sich aber nur neun bis 14 Monate verkaufen. Gelingt es dem Hersteller nicht, sie innerhalb dieses kurzen Zeitfensters loszuwerden, müsste Ware massenhaft vernichtet werden – mit hohen unnötigen Belastungen für die Umwelt.
Das Einpreisen von Entsorgungskosten und die Kompensation der Erlösausfälle für die vernichtete Ware sind bei den generikatypischen niedrigen Margen unmöglich. Hersteller würden sich bei vielen Arzneimitteln sehr genau überlegen müssen, ob sie sie noch kostendeckend produzieren können, und sich im Zweifel aus der Versorgung zurückziehen – mit fatalen Folgen für die Patientinnen und Patienten, die die Wirkstoffe dringend benötigen.
Mehr Stabilität der Versorgung wäre möglich, kostet aber Geld.
Und genau deshalb ist sie nicht umsetzbar.
So könnte ein Hersteller seinen Wirkstoff etwa aus zwei Quellen beziehen, die in unterschiedlichen Teilen der Welt verortet sind. Dann hätte er immer noch die Hälfte des Wirkstoffs, wenn einer der Zulieferer Lieferprobleme hat. Oder er könnte ein Arzneimittel an zwei Orten produzieren, so dass – falls ein Werk ausfällt – das andere die Produktion ausgleichen könnte.
Warum das gut klingt, aber im Ausschreibungssystem derzeit nicht möglich ist, erklärt Andreas Burkhardt, Geschäftsführer bei Teva Deutschland.
Jedoch: Kein Marktteilnehmer allein kann an diesen Schrauben drehen. Das lässt das System des maximalen Kosten- und Effizienzdrucks nicht zu.
Es ist an der Politik, das von ihr geschaffene System neu auszurichten und die gesetzlichen Rahmenbedingungen anzupassen. Indem sie abrückt vom obersten Dogma des Sparens, dessen Folge fragile Lieferketten und Lieferengpässe bei Arzneimitteln sind.
Generika stemmen über 80 Prozent der Versorgung mit Arzneimitteln in Deutschland. Ihre Lieferketten robuster und nachhaltiger zu machen, muss oberste Priorität haben.
Es ist Zeit, dass die Politik gesetzliche Rahmenbedingungen ändert. Sie muss für die Krankenkassen-Ausschreibungen verbindlich vorschreiben, dass mehrere Rabattvertragspartner den Zuschlag erhalten. Außerdem muss es weitere Kriterien in den Ausschreibungen geben, nicht nur den billigsten Preis – sondern Kriterien, die die Lieferketten wieder stabilisieren. Und die neue Regierung muss – wie Indien es vormacht – die Produktion wichtiger, vorher definierter Wirkstoffe in Europa unterstützen, wenn sie hierzulande kostendeckend nicht produziert werden können. Nur so werden wir unabhängiger von der Einfuhr aus Asien. Und sorgen bestmöglich für die nächste Krise vor, die noch viel größere Erschütterungen der Lieferketten parat halten kann als diese.
Die Stellschrauben sind klar, Ideen und Vorschläge liegen auf dem Tisch (und stehen in unserem Positionspapier).
Sie müssen den Inhalt von reCAPTCHA laden, um das Formular abzuschicken. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten mit Drittanbietern ausgetauscht werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Turnstile. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von reCAPTCHA. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr Informationen