Günstiger als jedes Kaugummi
Die Versorgung von Diabetes-Patienten ist in den letzten Jahren fragil geworden.
Warum greift die Politik nicht ein?

Die Versorgung von Diabetes-Patienten ist in den letzten Jahren fragil geworden.
Warum greift die Politik nicht ein?
2 Cent erhalten Hersteller für eine Tablette des Diabetesmittels Metformin. Immer weniger Unternehmen können für diesen Preis noch produzieren. Die letzten Verbliebenen beziehen fast ausschließlich von asiatischen Zulieferern. Den Preis bezahlen die Patient:innen, denn die Versorgungssicherheit wankt.
Lieferengpässe und kein Ende. Seit Jahren kämpfen Apotheker:innen mit dem Problem, dass wichtige Arzneimittel nicht verfügbar sind. So unterschiedlich die konkreten Gründe eines Engpass sind – zumeist haben sie dieselbe Ursache.

Rund zwei Drittel der Wirkstoffe, die wir in Europa benötigen, stammen aus Asien. Besonders die Wirkstoffe, die wir zur Versorgung großer Patientengruppen – also für Menschen mit Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Krankheiten oder Diabetes – benötigen, beziehen wir zum großen Teil von indischen oder chinesischen Herstellern. Weil diese sich auf die Herstellung weniger Präparate konzentrieren, können sie riesige Volumina zu unschlagbar günstigen Preisen produzieren.
Ein Mittel, bei dem die Lage prekär ist, ist Metformin. Dies wird in Deutschland jährlich mehr als 10 Millionen mal pro Jahr verordnet. Metformin ist das Mittel der ersten Wahl bei Typ-2-Diabetes und hat im Vergleich zu alternativen Mitteln wenig Nebenwirkungen. An ihm lässt sich gut zeigen, was die Probleme sind.
Denn: Bei Metformin hat der jahrelange Kostendruck zu einer gefährlichen Abwanderung der Produktion geführt. So hatte der Hauptanbieter des Mittels (Zentiva) bis vor ein paar Jahren noch in Prag produziert – jetzt die Produktion des Fertigarzneimittels aber nach Indien verlegt.
Die Konzentration der Produktion in Asien zeigt sich auch auf allen Ebenen der Lieferkette. Sowohl der Wirkstoff als auch dessen Vorstufen stammen zu beinahe hundert Prozent aus Asien. Das offenbart ein Blick auf die Lieferkette des Diabetesmittels.
Diese Karte zeigt, wo die wichtigsten Wirkstoffhersteller sitzen.





Stand: April 2025
Geht man in der Lieferkette weiter zurück, muss man die sogenannten Vorstufen in den Blick nehmen. Das sind die Stoffe, aus denen der Wirkstoff gewonnen wird. Einer davon heißt Dicyandiamid. Auch er wird fast ausschließlich in Asien produziert.
Die Metformin-Vorstufe Dicyandiamid:

Stand: April 2025
Dazu sagt Bork Bretthauer, Geschäftsführer von Pro Generika: „Weil Unternehmen eine Ausschreibung nur gewinnen können, wenn sie den günstigsten Preis bieten, kaufen sie dort, wo es am billigsten ist. Und das ist oft in Indien oder China“.
Tatsächlich erhalten Hersteller für die fertige Pille Metformin nur rund 2 Cent.
Ein Preis, zu dem man nur produzieren kann, wenn man auf eine diversifizierte Lieferkette verzichtet. Und ein Preis, der zu weiteren – noch viel dramatischeren Konzentrationseffekten geführt hat.
„Für viele Arzneimittel erhalten Hersteller so wenig von den Krankenkassen, dass sich die Herstellung überhaupt nicht mehr rechnet. Nicht einmal, wenn man in Asien kauft“, sagt Bretthauer. „In solchen Fällen steigen Unternehmen meist eins nach dem anderen aus der Produktion aus.“
Auch bei Metformin ist die Anzahl der Hersteller, die das Medikament auf den Markt bringen, in den letzten Jahren massiv geschrumpft. Besonders problematisch: Von den verbliebenen Herstellern hat ein Anbieter einen Marktanteil von 62 Prozent.
Stand: April 2025
Fällt in einer solchen Marktsituation der eine Hauptanbieter aus – etwa weil seine Lieferkette unterbrochen wird – können andere Unternehmen das schwerlich kompensieren. Was droht, ist ein Versorgungsengpass.
Für Bretthauer steht fest: Es braucht Reformen bei der Beschaffung von Generika.
„Es darf in den Ausschreibungen nicht mehr einzig um den günstigsten Preis gehen. Auch muss die Politik verhindern, dass weitere Unternehmen – wie hier bei Metformin – aus der Produktion aussteigen. Sie muss Anreize für Unternehmen schaffen und dafür sorgen, dass die Herstellung für sie wieder interessant ist. Außerdem muss sie – wie bei den Antibiotika – Kriterien einführen, die eine sichere Versorgung gewährleisten – etwa einen Herstellungsort in Europa.“
Stand: April 2025
Wie Anreize aussehen könnten, die die Versorgung mit wichtigen Medikamenten stabilisieren – dazu hat Pro Generika einen Vorschlag gemacht. Vorgelegt wurde ein Masterplan, der gezielt Engpässe angeht und kommende verhindert.
Krebsmittel, Antibiotika, Antidepressiva: Seit Jahren kommt es in Deutschland immer wieder zu Engpässen. Was nun zu tun ist, zeigt der Masterplan für eine stabile Versorgung.

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