„Warum sind unsere Antibiotika knapp?“
Lebensrettende Medikamente sind in Deutschland zur Mangelware geworden. Nur noch ein kleiner Teil der Antibiotika wird in Europa produziert. Doch genau das könnte ein Lösungsansatz sein.

Lebensrettende Medikamente sind in Deutschland zur Mangelware geworden. Nur noch ein kleiner Teil der Antibiotika wird in Europa produziert. Doch genau das könnte ein Lösungsansatz sein.
Sie waren ein Durchbruch in der Medizin und sind oft die einzige Waffe gegen bakterielle Infektionen. Antibiotika verhindern schwere Krankheitsverläufe, retten alljährlich Menschenleben – und sind dabei billig. So billig, dass sie in unseren Apotheken zur Mangelware geworden sind. Ein gefährlicher Zustand. Lebensgefährlich sogar.
Die Entdeckung der Penicilline gilt als DIE Erfolgsgeschichte der Medizin. Sie sind bis heute die wichtigsten Antibiotika und haben Millionen Menschenleben gerettet.
Antibiotika wie Penicillin zählen aus gutem Grund zu den elementaren Bestandteilen unserer Gesundheitsversorgung – ob gegen Streptokokken-Infektionen oder Lyme-Borreliose, bei Lungenentzündung oder nach einer Operation. Wenn diese Arzneimittel fehlen, kann das dramatische Folgen für die Betroffenen haben.
Drei Beispiele:

Beispiel Mandelentzündung. Die sogenannte akute Tonsillitis befällt Jahr für Jahr geschätzt 15 Prozent aller jüngeren Kinder. Dahinter stecken oft Streptokokken-Bakterien und es kann zu Ausbrüchen in Kitas oder Schulklassen kommen. Antibiotika können die Ansteckungsgefahr deutlich reduzieren: von bis zu drei Wochen auf nur 24 Stunden.

Beispiel Lungenentzündung. Besonders alte Menschen erkranken oft an der sogenannten Pneumonie. Wenn das Immunsystem an Schlagkraft verliert, haben Krankheitserreger leichteres Spiel. Je älter die Erkrankten, desto wahrscheinlicher ist eine Einweisung ins Krankenhaus. Dank Antibiotika kann von den jährlich gut 660.000 Pneumoniepatient:innen gut die Hälfte ambulant behandelt werden.

Beispiel Blutvergiftung (Sepsis). Ein unachtsamer Schritt am See in eine Glasscherbe, die Wunde infiziert sich und die Erreger gelangen in die Blutbahn. Das Immunsystem reagiert, doch manchmal gegen den Körper selbst. Mögliche Folge: Sepsis. Sie kann Organfunktionen erheblich beeinträchtigen und ist lebensgefährlich. Antibiotika können viele Menschen retten, trotzdem sterben in Deutschland jedes Jahr rund 85.000 Menschen an einer Sepsis.
Das sind Arzneimittel, deren Patentschutz abgelaufen ist und die günstiger sind als die Originale. Viel günstiger: Zum Beispiel kostet eine Pille Penicillin V beim Hersteller oft nur gut sieben Cent. Doch dafür droht unsere Gesellschaft an anderer Stelle einen höheren Preis zu bezahlen: bei der Versorgungssicherheit.
Tatsächlich ist diese zunehmend ein Problem. Wie groß dieses ist, zeigen Antibiotika besonders deutlich: Immer mehr Hersteller haben sich aus der Produktion hierzulande zurückgezogen, weil sie zum Verlustgeschäft wurde. Eines der wenigen Gegenbeispiele ist Fresenius Kabi, das in Europa noch vollumfänglich das Antibiotikum Piperacillin/Tazobactam produziert. Auch der Sandoz-Standort in Kundl ist eine letzte Bastion und konnte seine End-to-End-Penicillin-Produktion zuletzt nur durch staatliche Unterstützung aufrechterhalten, wie Thomas Weigold, Head of Central Cluster Europe Sandoz, 2023 hier erklärt.
Die fragile Angebotslage bei Antibiotika verschärft sich weiter, sobald die Nachfrage danach plötzlich ansteigt. Genau das ist im Winter 2022/23 geschehen, als eine besonders starke Welle von Atemwegsinfektionen durch Europa rollte – und Engpässe bei bestimmten Arzneimitteln nach sich zog.
Schaut man sich an, wo die Wirkstoffe der wichtigsten 15 Antibiotika (z.B. Amoxicillin oder Doxycyclin, eine vollständige Übersicht finden Sie hier) hergestellt werden, sieht man rund 60 europäische Herstellungsstätten. Wie eine Auswertung des Münchner Big-Data-Unternehmens QYOBO zeigt, gibt es vor allem in Spanien und Italien noch Unternehmen, die Antibiotika-Wirkstoffe produzieren.

Stand: November 2023
Gleichzeitig führte der jahrzehntelange Kostendruck zu einer Schwächung europäischer Anbieter und zu einer starken Abhängigkeit von Asien. Der Standort Europa erodiert – und Asien profitiert.
Die Produktion generischer Wirkstoffe ist zu großen Teilen nach Fernost abgewandert. Dort konzentrieren sich Hersteller oft auf wenige Wirkstoffe – und können so riesige Mengen zu konkurrenzlos günstigen Preisen fertigen. Vor allem bei Antibiotika hängt Europa inzwischen massiv von China ab.
Die Hersteller der 15 wichtigsten Antibiotika sitzen zu mehr als einem Drittel in China – was so viele sind wie in keinem anderen Land. An zweiter Stelle folgt Indien mit einem Anteil von knapp 30 Prozent, an dritter Stelle Europa mit circa 25 Prozent.

Stand: November 2023
Bei einzelnen Antibiotika-Wirkstoffen ist die Situation noch dramatischer: Es gibt lebensrettende Arzneimittel, die kaum noch oder gar nicht mehr in Europa produziert werden.



Stand: November 2023
Warum das problematisch ist, weiß Prof. Dr. Ulrike Holzgrabe vom Institut für Pharmazie und Lebensmittelchemie der Universität Würzburg. Sie sagt, der Markt habe sich in den vergangenen 20 Jahren auf immer weniger Arzneimittelhersteller konzentriert. Dazu beigetragen habe auch das System der Rabattverträge und Festbeträge. Diese hielten die Preise für Generika niedrig und verhinderten, dass sie steigen können. Das sei zwar damals ein praktikabler Ansatz gewesen, um die Kosten für die öffentliche Hand zu senken, sagt Holzgrabe – nur passe dieses System nicht mehr in die heutige Zeit. Denn inzwischen seien so viele Hersteller wegen mangelnder Wirtschaftlichkeit aus dem Markt ausgestiegen, dass es leicht Probleme gebe, sobald einer der wenigen verbliebenen Hersteller ausfalle. Die Folge, so Holzgrabe:

„Wir haben einen Großteil unserer chemischen Industrie an China verloren – und nun unter anderem das Problem, dass wir dort die Zwischenprodukte kaufen müssen, um in Europa überhaupt Arzneimittel produzieren zu können. Sollte es zum Beispiel aufgrund eines politischen Konflikts zu einem Lieferstopp kommen, wäre das für unser Gesundheitssystem verheerend.“
Wie gefährlich diese Abhängigkeit von Asien werden kann, zeigt der Blick auf die Lieferkette eines typischen Generikums. Bis es in deutschen Apotheken steht, reist es rund 10.000 Kilometer: vom chinesischen Hinterland über Indien und den Suezkanal in den Hafen Rotterdam. Eine unglaubliche Strecke – auf der ja nichts dazwischenkommen darf. Hier haben wir die Produktion eines Reserve-Antibiotikums analysiert.
Das zeigt sich beispielsweise am sogenannten Lieferengpass-Gesetz ALBVVG. Das Gesetz wurde im Sommer 2023 verabschiedet und will unter anderem die Abhängigkeit Deutschlands bei Antibiotika reduzieren. Es schreibt vor, dass in einem Rabattvertrag die Hälfte des Wirkstoffs von einem Hersteller mit europäischer Quelle kommen muss. Allerdings nur, wenn es einen solchen gibt.
Was bleibt, ist ein strukturelles Problem. Arzneimittelhersteller ziehen sich zurück, wenn die Produktion für sie wirtschaftlich nicht mehr machbar ist. Daran ändert auch das ALBVVG nichts. Es sieht weder Maßnahmen zu ihrer Entlastung vor – noch setzt es genügend Anreize, damit wieder mehr Hersteller in die Produktion in Europa einsteigen.
Dabei könnte die Politik mit gezielter Standortförderung viel bewirken. Das zeigt das Beispiel Kundl in Österreich. Dort fertigt der Generika-Hersteller Sandoz jährlich rund 200 Millionen Antibiotika-Packungen und liefert sie in die ganze Welt. Um den riesigen Bedarf zu stemmen, wird der Standort sogar ausgebaut. Die Alpenrepublik unterstützt das finanziell, berichtete 2023 der damalige Sandoz Deutschland-Chef Thomas Weigold.
Klar ist: Die Lage hat sich über Jahrzehnte immer weiter zugespitzt. Nun braucht es zunächst einen Ausbau der teils nur noch sehr begrenzten Produktionskapazitäten. Und es braucht Anreize, damit wieder mehr Unternehmen in Europa produzieren und so die Versorgung stabilisieren. Ideen und Vorbilder gäbe es dafür – siehe das Sandoz-Werk in Kundl.
Das Dilemma: Selbst die besten Förderpakete entfalten nicht sofort ihre volle Wirkung. Denn Standortentscheidungen, die Unternehmen heute fällen, kommen erst in ein paar Jahren zum Tragen. Doch angesichts der jetzt schon angespannten Versorgungslage ist Zeit womöglich das Gut, an dem es am meisten mangelt.
Es gibt also keine kurzfristige Lösung gegen Arzneimittelengpässe und fehlende Antibiotika. Umso wichtiger wäre es, dass die Politik jetzt endlich und vor allem konsequent handelt. Das fordert auch Bork Bretthauer von Pro Generika.

„Es braucht langfristige Lösungen. Die Politik muss dafür sorgen, dass sich die Produktion von Antibiotika wieder lohnt. Sie muss verhindern, dass noch mehr Unternehmen abwandern und dafür sorgen, dass diese wieder in Europa investieren. Und sie muss verbindliche Vorgaben für regional diversifizierte Lieferketten machen, damit die Abhängigkeit von China nicht weiter steigt.“
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