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Fra­gen und Ant­wor­ten: War­um wer­den unse­re Arz­nei­mit­tel knapp?

Der­zeit kommt es immer wie­der zu Eng­päs­sen bei Medikamenten. 

Wor­an liegt das? Wann hört das auf? Und was ist dage­gen zu tun? 

Lei­der nicht lie­fer­bar. Die­sen Satz hören der­zeit vie­le Patient:innen in der Apo­the­ke. Zu Jah­res­be­ginn war etwas das Brust­krebs­mit­tel Tam­oxi­fen im Eng­pass. Jetzt sind Fie­ber­säf­te für Kin­der sowie Anti­bio­ti­ka knapp. Alles zu Aus­maß, Hin­ter­grün­den und mög­li­chen Lösun­gen lesen Sie hier. 

War­um gibt es der­zeit so vie­le Medikamentenengpässe?

Die aktu­el­len Eng­päs­se sind Fol­ge eines jah­re­lan­gen Drucks auf Prei­se und Her­stell­kos­ten bei Gene­ri­ka. Seit Jah­ren stem­men Gene­ri­ka­her­stel­ler einen ste­tig wach­sen­den Anteil an der Ver­sor­gung – zu einem schrump­fen­den Anteil der Kos­ten. Für knapp 80 Pro­zent der Ver­sor­gung erhal­ten sie bloß noch sie­ben Pro­zent der Sum­me, die die gesetz­li­chen Kran­ken­kas­sen für Arz­nei­mit­tel ausgeben.


Das hat zu star­ken Kon­zen­tra­ti­ons­ef­fek­ten auf meh­re­ren Ebe­nen geführt.

  • ABHÄN­GIG­KEIT VON ASIA­TI­SCHEN ZULIE­FE­RERN: Zum einen ist durch die Abwan­de­rung der Pro­duk­ti­on eine mas­si­ve Abhän­gig­keit von Asi­en ent­stan­den. Rund zwei Drit­tel der hier­zu­lan­de benö­tig­ten Arz­nei­mit­tel­wirk­stof­fe bezie­hen wir aus Län­dern wie Chi­na und Indi­en. Die­ses Klum­pen­ri­si­ko könn­te – z.B. mit Blick auf geo­po­li­ti­sche Ent­wick­lun­gen – ein Pro­blem für unse­re Arz­nei­mit­tel­ver­sor­gung werden.
  • MARKT­KON­ZEN­TRA­TI­ON: Zum ande­ren sind immer mehr Her­stel­ler auf allen Ebe­nen der Lie­fer­ket­te aus der Ver­sor­gung aus­ge­stie­gen, weil die Pro­duk­ti­on für sie zu den Prei­sen, die ihnen die Kran­ken­kas­sen erstat­ten, wirt­schaft­lich nicht mehr dar­stell­bar war.

Die Fol­ge ist ein Rück­gang der Her­stel­ler­zahl, der dra­ma­ti­sche Fol­gen haben kann. Denn fällt ein Her­stel­ler aus, wer­den die weni­gen Ver­blie­be­nen meist im Nu leer­ge­kauft und kön­nen die aus­ge­fal­le­ne Pro­duk­ti­on nicht kom­pen­sie­ren. Das ist zuletzt gesche­hen bei Fie­ber­saft mit dem Wirk­stoff Par­acet­amol und war auch mit­ur­säch­lich für die Knapp­heit des Fie­ber­saf­tes mit dem Wirk­stoff Ibuprofen.

Bork Brett­hau­er

Geschäfts­füh­rer

Immer mehr Her­stel­ler müs­sen aus der Ver­sor­gung aus­stei­gen, weil die Pro­duk­ti­on zum Ver­lust­ge­schäft wird. Eng­päs­se sind die Fol­ge. Es braucht jetzt Anrei­ze, damit wie­der mehr Unter­neh­men ein­stei­gen. Dafür müs­sen wir Schluss machen mit dem Kos­ten­druck auf Gene­ri­ka — vor allem bei kri­ti­schen Arzneimitteln.

Wel­che Wirk­stof­fe und Arz­nei­mit­tel sind der­zeit oft nicht lieferbar?

Lie­fer­eng­päs­se kom­men in allen Arz­nei­mit­tel­be­rei­chen vor. In letz­ter Zeit aber sind vor allem Krebs­mit­tel, Anti­bio­ti­ka, Blut­druck­sen­ker und Kin­der­arz­nei­mit­tel knapp gewor­den. So gab es Anfang des Jah­res Pro­ble­me, Brust­krebs­pa­ti­en­tin­nen mit Tam­oxi­fen zu ver­sor­gen. Jüngst wur­de Amoxi­cil­lin, das etwa Kin­der bei Lun­gen- oder Mit­tel­ohr­ent­zün­dun­gen ver­schrie­ben bekom­men, knapp. Und es gibt seit Mona­ten immer wie­der Schwie­rig­kei­ten mit der Ver­füg­bar­keit von Fie­ber­säf­ten für Kin­der. Die Lis­te mit den gemel­de­ten Lie­fer­eng­päs­sen führt das Bun­des­amt für Arz­nei­mit­tel und Medi­zin­pro­duk­te (BfArM).

War­um kommt es zu Lie­fer­eng­päs­sen bei Fie­ber­saft für Kinder?

Der­zeit gibt es eine mas­siv gestie­ge­ne und für Unter­neh­men nicht plan­ba­re Nach­fra­ge nach Fie­ber­säf­ten. Die Anzahl der Bestel­lun­gen bei den Unter­neh­men ist seit dem Som­mer bis zu acht­mal so hoch wie sonst in die­sen Monaten.

Die Lage wird ver­schärft durch Eng­päs­se bei der Beschaf­fung von Mate­ri­al. Mal ist Glas für die Fla­schen knapp, dann fehlt die Kar­to­na­ge für die Ver­pa­ckung. Meh­re­re Wochen gab es kei­ne Ver­schluss­kap­pen, dann fehl­ten wie­der die Last­wa­gen, die die Ware aus­lie­fern soll­ten. Hin­zu kommt eine teils mas­si­ve Personalknappheit.

Das eigent­li­che Pro­blem aber hat sich über Jah­re auf­ge­baut und ist von unse­rem Gesund­heits­sys­tem selbst ver­ur­sacht: Da die Erstat­tungs­prei­se für Fie­ber­säf­te – wie für vie­le ande­re Gene­ri­ka auch – seit Jah­ren auf nied­rigs­tem Niveau fest­zemen­tiert sind, ist die Pro­duk­ti­on für vie­le Her­stel­ler nicht mehr wirt­schaft­lich. Immer mehr Gene­rikaun­ter­neh­men haben sich des­halb aus der Ver­sor­gung zurückgezogen.

Die­se Markt­kon­zen­tra­ti­on sehen wir in beson­ders dra­ma­ti­scher Form bei den Par­acet­amol-Fie­ber­säf­ten. Waren es vor zwölf Jah­ren noch 11 Anbie­ter, die den Markt ver­sorg­ten, ist jetzt nur noch ein nen­nens­wer­ter Anbie­ter übrig. Erst im Mai 2022 war der vor­letz­te Haupt­her­stel­ler aus Wirt­schaft­lich­keits­grün­den aus der Pro­duk­ti­on von Fie­ber­saft aus­ge­stie­gen. Doch auch beim Fie­ber­saft mit dem Wirk­stoff Ibu­profen gibt es bereits einen bedroh­li­chen Rück­gang der Her­stel­ler­an­zahl. Hier ver­sorgt das Phar­ma­un­ter­neh­men Zen­ti­va allein zwei Drit­tel des Mark­tes. Zum aktu­el­len Stand der ein­ge­schränk­ten Ver­füg­bar­keit von Par­acet­amol- und Ibu­profen-hal­ti­gen Fie­ber­säf­ten für Kin­der infor­miert das Bun­des­amt für Arz­nei­mit­tel und Medi­zin­pro­duk­te (BfArM) hier.

War­um sind der­zeit gera­de Kin­der­arz­nei­mit­tel von Lie­fer­eng­päs­sen betroffen?

Bei Kin­der­arz­nei­mit­teln ist der Kos­ten­druck noch höher als bei ande­ren Gene­ri­ka. Denn die­se haben in der Regel einen nied­ri­gen Fest­be­trag. Das ist der Betrag, den Kran­ken­kas­sen dem Her­stel­ler erstat­ten – unab­hän­gig davon, wie hoch sei­ne Her­stell­kos­ten sind. Kin­der­arz­nei­mit­te  sind aber in der Her­stel­lung, zumin­dest wenn es sich um Säf­te han­delt, deut­lich aufwändiger.

Das hat zwei­er­lei Gründe:

Der unter­schied­li­che Auf­wand, der bei der Her­stel­lung der Dar­rei­chungs­form ent­steht – also ob es sich um eine Tablet­te oder Saft han­delt –  wird bei der Erstat­tung zu wenig berück­sich­tigt. Kin­der bevor­zu­gen Säf­te. Und die sind deut­lich auf­wän­di­ger zu pro­du­zie­ren und somit teu­rer in der Her­stel­lung. Wer also ein Arz­nei­mit­tel in Saft-Form her­stellt, wird dafür mit Mehr­kos­ten bestraft, die nur unzu­rei­chend erstat­tet werden.

Die Höhe des Fest­be­trags rich­tet sich maß­geb­lich auch nach der Men­ge des Wirk­stoffs. Da Kin­der eine gerin­ge­re Men­ge an Wirk­stoff erhal­ten, wer­den Kin­der­arz­nei­mit­tel gerin­ger ver­gü­tet.

Bork Bretthauer, Geschäftsführer

Bork Brett­hau­er

Geschäfts­füh­rer

Das Erstat­tungs­sys­tem unse­res Gesund­heits­sys­tems hat einen blin­den Fleck — und der betrifft die Kin­der­arz­nei­mit­tel. Wer sie her­stellt, wird bestraft. Denn Her­stel­ler erhal­ten dafür weni­ger Geld als für ande­re Dar­rei­chungs­for­men, haben aber oft deut­lich höhe­re Produktionskosten.

Wie kam es zum Eng­pass beim Brust­krebs­mit­tel Tamoxifen?

Bei Tam­oxi­fen – einem Wirk­stoff, der als soge­nann­tes Anti-Östro­gen bei hor­mon­re­zep­tor­po­si­ti­ven Brust­krebs­er­kran­kun­gen ein­ge­setzt wird – ist es in den ers­ten Mona­ten des Jah­res ver­mehrt zu Lie­fer­eng­päs­sen gekommen. 

Wich­ti­ge Zulie­fe­rer, bei denen ein gro­ßer Teil der betrof­fe­nen Unter­neh­men Ware bezo­gen haben, hat­ten ihre Prei­se spür­bar erhöht, so dass es für Gene­rikaun­ter­neh­men unter den gege­be­nen Erstat­tungs­be­din­gun­gen wirt­schaft­lich nicht mehr dar­stell­bar war, sich wei­ter an der Ver­sor­gung zu betei­li­gen. Alter­na­ti­ve Zulie­fe­rer zu fin­den, war unter ande­rem des­we­gen nicht leicht, weil es nicht mehr genug von ihnen gab.

Auch auf Ebe­ne der Arz­nei­mit­tel­her­stel­ler zeig­te sich eine oli­go­po­lis­ti­sche Struk­tur. Bloß noch vier Unter­neh­men ver­sorg­ten zu dem Zeit­punkt des Eng­pas­ses den Markt, alle ande­ren hat­ten die Pro­duk­ti­on in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ein­ge­stellt. Und so waren schnell alle vier Unter­neh­men lieferunfähig.

Es gelang trotz­dem den Ver­sor­gungs­eng­pass abzu­wen­den. Dafür sorg­te zum einen eine Son­der­ge­neh­mi­gung des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­ums, dass die Ein­fuhr tam­oxi­fen­hal­ti­ger Arz­nei­mit­tel gestat­te­te. Zum ande­ren konn­te der Her­stel­ler Hexal eine Son­der­pro­duk­ti­on Tam­oxi­fen ein­schie­ben und das Pro­blem damit lösen.

Hat sich die Lage bei Tam­oxi­fen jetzt entspannt?

Der­zeit gibt es genug Arz­nei­mit­tel mit dem Wirk­stoff Tam­oxi­fen für alle Brust­krebs­pa­ti­en­tin­nen in Deutsch­land. Die Markt­kon­zen­tra­ti­on aber ist noch bedenk­li­cher gewor­den als vor­her.

Der­zeit gibt es bloß noch zwei Unter­neh­men, die den Markt mit Tam­oxi­fen ver­sor­gen – und von ihnen hat ein Unter­neh­men einen Markt­an­teil von vier Fünf­tel (Stand: Dezem­ber 2022).

Übri­gens ist das Preis­ni­veau, das zu den Markt­aus­trit­ten der Her­stel­ler und Zulie­fe­rer geführt hat, noch das­sel­be. Seit 2010 wur­de der Fest­be­trag für den Her­stel­ler nicht erhöht. Das heißt: Für die Drei­mo­nats­pa­ckung Tam­oxi­fen erhält ein Unter­neh­men seit nun­mehr zwölf Jah­ren nur rund 8,80 Euro – und das, obwohl die Kos­ten seit­dem mas­siv ange­stie­gen sind. 

Bork Brett­hau­er

Geschäfts­füh­rer

Nur weil der Eng­pass beim Brust­krebs­mit­tel Tam­oxi­fen abge­wen­det wer­den konn­te, hat sich das Pro­blem nicht gelöst. Im Gegen­teil: Die Situa­ti­on am Markt ist noch ver­schärf­ter. Hier muss die Poli­tik als aller­ers­tes anset­zen – sonst ist es nur eine Fra­ge der Zeit, bis Tam­oxi­fen wie­der knapp wird.

Was tun Gene­ri­ka-Unter­neh­men, um die Fol­gen der Eng­päs­se abzuschwächen?

Tritt ein Eng­pass ein, arbei­ten die Unter­neh­men mit Hoch­druck dar­an, so schnell wie mög­lich wie­der kom­plett lie­fer­fä­hig zu sein. Wie im Fal­le der Fie­ber­säf­te bau­en sie, wo immer mög­lich die Pro­duk­ti­on aus, um etwa den gestie­ge­nen Bedarf zu decken. Eng­päs­se in der Lie­fer­ket­te ver­su­chen sie zu über­brü­cken und sie bemü­hen sich, zusätz­li­che Trans­por­te zu orga­ni­sie­ren. Die so ent­ste­hen­den Mehr­kos­ten neh­men sie in Kauf, denn ihr Anspruch ist es, die Ver­sor­gung zu sichern.

Wird aber eine Pro­duk­ti­on aus­ge­baut, hat das meist zur Fol­ge, dass ande­re Arz­nei­mit­tel nicht pro­du­ziert wer­den kön­nen, da die Pro­duk­ti­ons­stra­ßen bis auf Mona­te hin voll aus­ge­las­tet sind. So war es etwa, als der Ver­sor­gungs­eng­pass beim Brust­krebs­mit­tel nur durch eine Son­der­pro­duk­ti­on von Hexal abge­wen­det wer­den konnte.

Wann ist mit einer Ent­span­nung der Lage in den Apo­the­ken zu rechnen?

Das Ende der Eng­päs­se ist der­zeit nicht abseh­bar. Gera­de bei Fie­ber- und Erkäl­tungs­mit­teln und Anti­bio­ti­ka hängt viel davon ab, wie sich das Infek­ti­ons­ge­sche­hen gera­de auch bei Atem­wegs­er­kran­kun­gen in den kom­men­den Wochen entwickelt.

Grund­sätz­lich ist davon aus­zu­ge­hen, dass die Zahl der Eng­päs­se in den kom­men­den Mona­ten eher noch zunimmt. Denn die Infla­ti­on hat das Poten­zi­al, die Eng­pass­pro­ble­ma­tik noch zu verschärfen.

Wel­che Rol­le spie­len die aktu­el­len Kos­ten­stei­ge­run­gen bei den Engpässen?

Wie vie­le ande­re Bran­chen auch, haben Gene­ri­ka-Unter­neh­men der­zeit mit explo­die­ren­den Kos­ten zu kämp­fen. Ob Wirk­stof­fe, Ener­gie oder Trans­port – alles ist deut­lich teu­rer gewor­den. Doch anders als ande­re Bran­chen, kön­nen Gene­ri­ka-Her­stel­ler ihre Prei­se nicht anpas­sen. Sie blei­ben auf den Mehr­kos­ten sit­zen und wer­den in den kom­men­den Mona­ten immer öfter Pro­duk­tio­nen ein­stel­len müs­sen, um Minus­ge­schäf­te zu ver­mei­den. Wird es sei­tens der Poli­tik kei­nen kurz­fris­ti­gen Infla­ti­ons­aus­gleich geben, sind wei­te­re Markt­aus­trit­te zu erwar­ten, was die Gefahr wei­te­rer Eng­päs­se erhöht. 

Bork Brett­hau­er

Geschäfts­füh­rer

Rasant stei­gen­de Wirk­stoff- und Pro­duk­ti­ons­kos­ten bei ein­ge­fro­re­nen Prei­sen machen die Pro­duk­ti­on von Arz­nei­mit­teln wie Fie­ber­säf­ten zum Verlustgeschäft.

War­um kön­nen Gene­ri­ka-Her­stel­ler die Prei­se nicht erhöhen?

Ein Netz aus Kos­ten­spar­in­stru­men­ten hält die Prei­se von Gene­ri­ka seit vie­len Jah­ren im Keller.

  • FEST­BE­TRÄ­GE: Für die meis­ten Gene­ri­ka gibt es einen Fest­be­trag – das ist die maxi­ma­le Sum­me, die die gesetz­li­chen Kran­ken­kas­sen dem Her­stel­ler gestat­ten. Hebt ein Her­stel­ler sei­nen Preis über den Fest­be­trag an, müs­sen die Patient:innen die Dif­fe­renz selbst bezahlen.
  • PREIS­MO­RA­TO­RI­UM: Ist für ein Gene­ri­kum kein Fest­be­trag fest­ge­legt, unter­liegt es dem soge­nann­ten Preis­mo­ra­to­ri­um. Dies friert die Prei­se auf dem Niveau von 2009 ein, bzw. fixiert den Preis, mit dem das Arz­nei­mit­tel zu einem spä­te­ren Zeit­punkt auf den Markt gekom­men ist. Hebt nun der Unter­neh­mer sei­nen Preis über die vom Preis­mo­ra­to­ri­um fest­ge­leg­te Preis­gren­ze an, muss er die Dif­fe­renz als Rabatt an die Kran­ken­kas­sen zurückzahlen. 
  • REGEL VON DEN VIER GÜNS­TIGS­TEN: Dar­über hin­aus gibt es – neben zusätz­li­chen gesetz­lich vor­ge­se­he­nen Rabat­ten —  wei­te­re Preis­re­gu­lie­rungs­me­cha­nis­men, die dafür sor­gen, dass die Prei­se „im Kel­ler“ blei­ben. Eines davon ist die soge­nann­te 4‑G-Regel — juris­tisch gese­hen eine unter­ge­setz­li­che Rege­lung. Sie ver­pflich­tet die Apo­the­ken dazu, stets eines der vier güns­tigs­ten Prä­pa­ra­te abzu­ge­ben, sofern es kei­nen Rabatt­ver­trag gibt. Wer also hier nicht dar­un­ter fällt, wird nicht abgegeben.
  • RABATT­VER­TRÄ­GE: Zu guter Letzt sind es die Rabatt­ver­trä­ge, die das Preis­ni­veau fixie­ren. Hier ver­pflich­ten sich die Her­stel­ler im Rah­men von Aus­schrei­bun­gen, ein bestimm­tes Arz­nei­mit­tel zwei Jah­re lang zu einem ver­ein­bar­ten Preis zu lie­fern. Da die­se Aus­schrei­bung der­je­ni­ge gewinnt, der der Kran­ken­kas­se den höchs­ten Rabatt gewährt, ist die­ser Preis meist sehr nied­rig. Eine Anpas­sung nach oben – etwa wegen gestie­ge­ner Kos­ten – ist wäh­rend eines lau­fen­den Ver­tra­ges nicht möglich.

Beson­ders fatal: Die­se Instru­men­te wir­ken meist im Zusam­men­spiel auf Gene­ri­ka ein. So unter­lie­gen die aller­meis­ten Gene­ri­ka sowohl einem Fest­be­trag als auch einem Rabatt­ver­trag. Erhöht nun ein Her­stel­ler sei­nen Preis, muss er die­se Erhö­hung direkt wie­der an die Kran­ken­kas­sen abfüh­ren. Denn mit der Preis­er­hö­hung erhöht sich auch der Rabatt an die Kran­ken­kas­se – und der rea­le Preis bleibt wei­ter­hin im Keller.

Ist die Abhän­gig­keit von Asi­en eine Ursa­che für die der­zei­ti­gen Engpässe?

Der jah­re­lan­ge Kos­ten­druck hat zu einer Abwan­de­rung der Pro­duk­ti­on gene­ri­scher Wirk­stof­fe nach Asi­en geführt. Zwei Drit­tel der Wirk­stof­fe, die hier­zu­lan­de benö­tigt wer­den, stam­men mitt­ler­wei­le aus Län­dern wie Chi­na und Indi­en. Das hat zur Fol­ge, dass sich die Lie­fer­ket­ten etwa gene­ri­scher Blut­druck­sen­ker oder Dia­be­tes­mit­tel über den gesam­ten Glo­bus erstrecken.

Wie in ande­ren Bran­chen auch hat das gera­de in Zei­ten der Pan­de­mie und des erschüt­ter­ten Welt­han­dels zur Fol­ge, dass Lie­fer­ket­ten immer wie­der unter­bro­chen sind. Hier­bei ist es weni­ger pro­ble­ma­tisch, dass die Wirk­stof­fe aus Indi­en und Chi­na kom­men als viel­mehr, dass sie aus­schließ­lich von dort kommen.

Die­ses Klum­pen­ri­si­ko ist Fol­ge des Dog­mas des güns­tigs­ten Prei­ses, das Unter­neh­men jah­re­lang gezwun­gen hat, dort ein­zu­kau­fen, wo es am bil­ligs­ten ist, und dafür gesorgt hat, dass Lie­fer­ket­ten mit Blick auf die Ver­sor­gungs­si­cher­heit nicht ange­mes­sen diver­si­fi­ziert wer­den konnten.

Mit Blick auf die aktu­el­len Eng­päs­se aber lässt sich sagen: Knapp­hei­ten wie bei Fie­ber­saft oder Tam­oxi­fen haben ihre Ursa­che dar­in, dass die Pro­duk­ti­on für die Unter­neh­men nicht mehr wirt­schaft­lich war. Sie haben nichts mit der Abhän­gig­keit von Asi­en zu tun, son­dern sind eine Fol­ge des Spar­drucks und somit hausgemacht.


Was sind mög­li­che Lösungs­an­sät­ze, um zukünf­ti­ge Lie­fer­eng­päs­se zu vermeiden?

In die­sen Tagen, in denen Lie­fer­ket­ten immer wie­der abrei­ßen, braucht es vor allem prag­ma­ti­sche Unter­stüt­zung sei­tens der Behör­den. Nicht zuletzt über den Bei­rat für Lie­fer- und Ver­sor­gungs­eng­päs­se des BfArM hat sich die Koope­ra­ti­on zwi­schen Fir­men und ande­ren Sta­ke­hol­dern im Markt in den letz­ten Jah­ren sehr ver­bes­sert, was hilft, die Aus­wir­kun­gen von Eng­päs­sen so klein wie mög­lich zu halten

Dar­über hin­aus ist es aber vor allem not­wen­dig, den jahr­zehn­te­lan­gen Kos­ten­druck zu lockern. Denn er hat die Her­stel­lung vie­ler Arz­nei­mit­tel zum Ver­lust­ge­schäft wer­den las­sen und zu einer mas­si­ven Abwan­de­rung der Pro­duk­ti­on. Für eine siche­re Ver­sor­gung braucht es ein Preis­ni­veau, das eine aus­kömm­li­che Pro­duk­ti­on mit resi­li­en­ten und diver­si­fi­zier­ten Lie­fer­ket­ten gestat­tet und ein Sys­tem, das es den Her­stel­lern erlaubt, Kos­ten­stei­ge­run­gen abzufedern.

Ziel muss es sein, dass wie­der mehr Her­stel­ler in die Pro­duk­ti­on ein­stei­gen. Erst wenn genug Gene­ri­ka-Unter­neh­men an der Ver­sor­gung teil­neh­men, kann das Aus­schei­den eines Markt­teil­neh­mers bzw. eine erhöh­te Nach­fra­ge auch vom Markt abge­fan­gen werden.

Dafür aber braucht es Anrei­ze und ande­re Rah­men­be­din­gun­gen für die Gene­ri­ka-Ver­sor­gung. Die­se zu ändern ist Auf­ga­be der Poli­tik. Sie hat sich vor­ge­nom­men, bis Weih­nach­ten die Eck­punk­te eines Geset­zes vor­zu­le­gen, das die Ver­sor­gung mit Gene­ri­ka wie­der sta­bi­ler macht.

Dabei muss es dar­um gehen, end­lich weg vom Haupt­sa­che-Bil­lig-Prin­zip bei Gene­ri­ka und hin zu einem Sys­tem zu kom­men, das Her­stel­ler den Auf­bau von resi­li­en­ten Lie­fer­ket­ten und einer sta­bi­len Pro­duk­ti­on gestat­tet. Für 6 Cent am Tag – so wenig erhält ein Her­stel­ler der­zeit für die Tages­do­sis eines Gene­ri­kums – kann Ver­sor­gung zwar bil­lig sein, nicht aber sta­bil genug, um Kri­sen wie die aktu­el­le abzufangen.

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Anna Stein­bach Lei­te­rin Kommunikation Tel:  +49 30 81 61 60 9–0 E‑Mail:  presse@progenerika.de Mehr Infor­ma­tio­nen
Anna Stein­bach

Die Ger­ma­nis­tin und His­to­ri­ke­rin war nach ihrem Volon­ta­ri­at bei der Axel-Sprin­ger-Jour­na­lis­ten­schu­le vie­le Jah­re bei Tages­zei­tun­gen und in einer Wer­be­agen­tur tätig. Seit 2019 ver­ant­wor­tet sie den Bereich Kom­mu­ni­ka­ti­on bei Pro Generika.

Anna Steinbach