Gesundheitspolitik und Sicherheit – die Speaker
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„Die USA sind uns etwa fünf Jahre voraus“

Eine stabile Medikamentenversorgung ist auch eine Frage der Sicherheit: Wie können wir resilientere Lieferketten schaffen, die Produktion von Arzneimitteln in Europa stärken – und so unabhängiger von China werden? Das wollten wir von sechs Experten aus Industrie, Politik, Wissenschaft und der Bundeswehr wissen. Einigkeit besteht vor allem in einem Punkt: Die Lage ist ernst – und die Zeitenwende erfordert schnelles, entschiedenes Handeln. Die wichtigsten Statements im Überblick.

Was ist uns Sicherheit wert?

Die Bundeswehr sieht Oberstapotheker Dr. Bernd Klaubert im Gegensatz zum zivilen Bereich schon gut gerüstet. Warum? Weil er bei der Beschaffung von Medikamenten nicht an Rabattverträge gebunden ist und auf mehrere Zulieferer und resiliente Lieferketten setzen kann. 

Wir dürfen nicht erst im Kriegsfall damit beginnen, uns um eine sichere Versorgung zu kümmern – wir müssen uns jetzt robust aufstellen. Mehrkosten sind dabei unabdingbar. Aber: Mit Blick auf europäische Produktion geht es fast immer nur um Centbeträge pro Patient. Hier müssen wir uns fragen: Was ist uns Sicherheit wert?“

Handeln, um unsere Strukturen zu bewahren

Dr. Markus Felgenhauer hat den internationalen und globalen Vergleich. Der CEO von Qyobo verfolgt mit seinem Unternehmen Lieferketten von Wirkstoffen und Arzneimitteln und macht diese sichtbar. Er berät unter anderem die amerikanische Regierung, wie sie unabhängier werden kann.

„Die USA sind uns etwa fünf Jahre voraus – mit einem Schulterschluss zwischen Industrie, Militär, Weißem Haus, Gesundheitsministerium und Kongress. Wir müssen nachziehen. Aber wir fangen nicht bei null an: In Europa gibt es noch über 2000 aktive Produktionsstandorte für Wirkstoffe. Anders als die USA müssen wir also keine komplett neue Struktur aufbauen. Wir müssen verhindern, dass die bestehende weiter erodiert – und damit sofort beginnen.“

Das Ergebnis des Hauptsache-Billig-Prinzips

Hohe Auflagen, hoher Kostendruck und damit immer weniger Wettbewerbsfähigkeit – Andreas Burkhardt von Teva Deutschland produziert Arzneimittel in Europa. Noch. Die Abhängigkeit von China und die instabile Versorgungslage sind für ihn Konsequenzen des Gesundheitssystems der letzten Jahre.

„Die instabile Versorgungslage ist kein Zufall, sondern die Folge eines Systems, das jahrzehntelang nur den günstigsten Preis belohnt hat – auf Kosten resilienter Lieferketten, europäischer Produktionsstandorte und der Versorgungssicherheit der Bevölkerung: Wer kritische Infrastruktur nach dem Hauptsache-Billig-Prinzip organisiert, schafft ein Sicherheitsrisiko. Jetzt müssen wir gegensteuern, bestehende Ressourcen stärken und im Zweifel umwidmen.“

Es braucht eine europäische Lösung

Notwendigkeit zum schnellen – und konzertiert-europäischen – Handeln sieht Heiko Rottmann-Großner. Er ist Leiter der Abteilung Z „Zentralabteilung Europa und Internationales“ im BMG und hat dort zuvor die Abteilung „Gesundheitssicherheit“ verantwortet.

„Wir müssen zunächst definieren, welche Arzneimittel für uns essenziell sind – das ist im zivilen Bereich längst überfällig. Dann müssen wir mit der Industrie analysieren, was das kostet, und das Geld zur Verfügung stellen: nicht über Sozialversicherungsbeiträge, sondern als Steuergeld. Und wir müssen europäisch denken, denn wir allein werden weder die Mittel noch die Infrastruktur haben, um dieses Problem zu lösen.“

Auswirkungen auf unsere Demokratie

Björn Stahlhut ist Oberst der Reserve, Experte für gesundheitlichen Bevölkerungsschutz und Zivile Verteidigung und Strategic Advisor Security des CPM-Verlags. Für ihn ist eine funktionierende Gesundheitspolitik unabdingbar für unsere Demokratie.

„Wenn man die Gesundheitspolitik schwächt, hat das Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit des Staates und die freiheitlich-demokratische Grundordnung.“

Die richtigen Rahmenbedingungen schaffen

Dr. Stephan Pilsinger kennt die Theorie – und die Praxis. Als Mitglied der Deutschen Bundestages für die CDU/CSU und praktizierender Hausarzt ist er tagtäglich mit Fragen der Gesundheitsversorgung befasst. System und Standort müssen für Generikahersteller wieder attraktiver werden, fordert er.

„Der Staat kann das nicht dirigistisch lösen – wir müssen Rahmenbedingungen schaffen, die die Industrie dazu bringen, wichtige Arzneimittel in Europa zu produzieren. Und um dafür Spielraum zu haben, müssen wir an anderen Stellen, die für die Versorgung nicht entscheidend sind, sparen.“

Wenn Lieferengpässe zur Sicherheitsfrage werden

Ein Gastbeitrag von Björn Stahlhut, Experte Gesundheitlicher Bevölkerungsschutz und Zivile Verteidigung der Bundeswehr, über den aktuellen Zustand unserer Arzneimittelversorgung und weshalb dieser ein Sicherheitsrisiko ist.

Zum Gastbeitrag
Foto: Svea Pietschmann