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Wenn Lieferengpässe zur Sicherheitsfrage werden

Hier erklärt Björn Stahlhut, Experte für Bevölkerungsschutz, warum der aktuelle Zustand unserer Generika-Versorgung ein Risiko für unsere Sicherheit ist.

Björn Stahlhut

Experte Gesundheitlicher Bevölkerungsschutz und Zivile Verteidigung

15 Jahre lang war Björn Stahlhut, Jahrgang 1973, Offizier der Bundeswehr, bis heute ist er Reservist. Nach seinem Studium der Politikwissenschaften wechselte er 2009 zum Deutschen Roten Kreuz, wo er zuletzt als Bereichs- und Projektleiter für Notfallversorgung und Gesundheitssicherheit tätig war. Er ist zudem Strategic Advisor Security des CPM-Verlags.

Von Björn Stahlhut

Stellen Sie sich vor: Es ist der 21. April 2029…

Seit Monaten spitzt sich die sicherheitspolitische Lage immer weiter zu. Die Litauen-Brigade der Bundeswehr wird immer wieder in einzelne Zwischenfälle verwickelt. In deutschen Medien hält sich hartnäckig das Narrativ des aggressiv-feindseligen Handelns einzelner deutscher Militärtrupps als Auslöser dieser Zwischenfälle – staatliche Gegendarstellungen der Bundesregierung finden kaum Berücksichtigung. Die Verwaltungen von fast allen deutschen Großstädten sind durch Cyberattacken in ihrer Funktionalität eingeschränkt, Leistungen für die Bürgerinnen und Bürger können oft nur im Notbetrieb aufrechterhalten werden. Die maritimen Handelswege auf Nord- und Ostsee sind durch unbeflaggte Schiffe eingeschränkt, in der Mecklenburger Bucht mehren sich Drohnenüberflüge über wichtigen Einrichtungen wie dem LNG-Terminal Sassnitz-Mukran.

Das ist kein Horrorszenario aus einem Politikthriller. Es ist eine Bedrohungslage, die heute – im Jahr 2026 – bereits in Teilen Realität ist. Und sie wird von verschiedenen gesellschaftlichen und politischen Kräften genutzt, um die Handlungsfähigkeit Deutschlands und die Problemlösungskompetenz des demokratischen Staates in Frage zu stellen.

Arzneimittelversorgung ist eine Frage der Sicherheit

Wenn es schon im Alltag Lieferengpässe für Medikamente gibt – wie wird das erst unter den eingeschränkten Bedingungen eines Verteidigungsfalles aussehen? Diese Frage stellt die Bundeswehr schon lange. Der zivile Sektor hat sie zu selten gestellt.

Nachrichten über Lieferengpässe bei Medikamenten, unbesetzte Arztstellen, geschlossene Krankenhäuser und jegliche sonstige Versorgungsengpässe können im Mix mit Fake News zu Narrativen gegen einen funktionierenden Staat gewendet werden. Dazu brauchen wir übrigens keinen Krieg. Dazu reicht Alltag und Reichweite in den sozialen Medien.

Eine funktionierende Gesundheitsversorgung ist immer auch Teil eines funktionierenden Staates. Gesundheitspolitik ist mindestens auch Innenpolitik, Sicherheitspolitik, Wirtschaftspolitik, Finanzpolitik und Sozialpolitik. Und sie ist eine tragende Säule unserer Demokratie.

Resilienz braucht einen gesamtgesellschaftlichen Ansatz

Wer Resilienz ernst nimmt, muss alle Ebenen denken. Die Länder bilden die Basis einer Sicherheitspyramide, auf der Bund und EU aufbauen. Nur mit starken, gut vorbereiteten Ländern kann eine gesamtstaatliche und europäische Resilienz erreicht werden. Kommunen sind dabei zentrale Partner – aufgrund ihrer Zuständigkeit für die Daseinsvorsorge sind sie in den regionalen Netzwerken aus Kliniken, integrierten Leitstellen, Rettungsdiensten und Katastrophenschutzbehörden unverzichtbar.

Hier bleiben wir häufig stehen und nennen es gesamtstaatlichen Ansatz. Der lässt aber die Zivilgesellschaft völlig außer Acht. Resilienz muss Teil der gesellschaftlichen Normalität werden. Es besteht ein hoher Sensibilisierungsbedarf der Bevölkerung und der Mitarbeitenden in Gesundheitseinrichtungen – und Kenntnisse in Erster Hilfe und Selbstschutz müssen gestärkt werden.

Was jetzt getan werden muss

Sicherheitsstrategien müssen alle Risiken einbeziehen – von militärischen Bedrohungen bis zu Naturkatastrophen und Pandemien. Gefahren müssen nach Dringlichkeit priorisiert werden, um Ressourcen zielgerichtet einzusetzen und politische Entscheidungsverzögerungen zu vermeiden. Wir brauchen reelle Schutzziele und Bewertungskriterien. Ohne dies sind notwendige Prioritäten nicht erkennbar und Bedarfe an Ressourcen, Fähigkeiten und Personal bleiben im Ungefähren.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft hat im Oktober 2025 ein wissenschaftliches Gutachten vorgestellt, das die Investitionsbedarfe zur Herstellung der Resilienz deutscher Krankenhäuser benennt: Szenario Cyberangriffe und Sabotageakte: 2,7 Milliarden Euro Investitionen. Szenario Bündnisfall: 5,0 Milliarden Euro. Szenario Verteidigungsfall: 14,1 Milliarden Euro. Das sind keine abstrakten Zahlen – hier geht es um politische Entscheidungen, die jetzt getroffen werden müssen.

Und wir brauchen echte Redundanzen – in Lieferketten, in Lagerbeständen, in Strukturen. Was wir einmal haben, haben wir keinmal. Das gilt für Krankenhausbetten im Verteidigungsfall genauso wie für Antibiotika im Regal.

Die Politik muss die schon lange geplante Notfallreform zeitnah umsetzen. Und das Gesundheitssicherstellungsgesetz muss schnellstmöglich realisiert werden. Die politische Verwaltung darf sich dabei nicht auf Zuständigkeiten zurückziehen, sondern muss Handlungsfähigkeit strukturell, finanziell und organisatorisch übergreifend ermöglichen.

Die Frage ist nicht, ob wir es uns leisten können – sondern ob wir es uns leisten können, es nicht zu tun.

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