
Ein Impulspapier von Pro Generika und dem Sicherheitsexperten Björn Stahlhut zeigt, wie verwundbar unsere Arzneimittelversorgung ist. Das geplante Gesundheitssicherstellungsgesetz, das die Bundesregierung im Herbst vorlegen will, darf deshalb nicht erst im Ernstfall greifen. Es muss schon jetzt Vorsorge für den Krisenfall mitdenken und ermöglichen.
Die Arzneimittelversorgung in Deutschland ist nicht ausreichend auf Krisen und den Verteidigungsfall vorbereitet. Das zeigt eine Analyse von Pro Generika in Zusammenarbeit mit dem Sicherheitsexperten Björn Stahlhut. Die Autoren fordern, das geplante Gesundheitssicherstellungsgesetz (GeSiG) zu einem Gesundheitssicherstellungs- und Vorsorgegesetz (GeSiVoG) weiterzuentwickeln. Dieses muss bereits im Frieden festlegen, welche Fähigkeiten für die Versorgung in Krisenzeiten benötigt werden – und deren Aufbau sowie dauerhafte Vorhaltung ermöglichen.
Zahlreiche Engpässe bei Generika in den vergangenen Jahren zeigen, dass das System bereits ohne externe Störereignisse über wenig Resilienz verfügt. Verbindlich definierte Fähigkeiten für Krisenlagen sowie den Bündnis- oder Verteidigungsfall fehlen aktuell. Das kann im Ernstfall gefährlich werden. Wie dieser aussehen könnte, analysiert das Papier aus sicherheitspolitischer Perspektive. Vor allem die massive Abhängigkeit von China ist demnach eine Schwachstelle, die ausgenutzt werden kann.
Krisenvorsorge beginnt mit der Frage, was im Ernstfall passieren könnte. Belastungsszenarien testen dabei, was das System aushält. Sogenannte Red-Teaming-Szenarien vollziehen den Perspektivwechsel und betrachten, wo ein Gegner potenziell angreifen könnte. Die folgenden fünf Szenarien illustrieren, worauf wir uns vorbereiten müssen.

Im Winter 2022/2023 hat man in Deutschland gesehen, was passiert wenn Fiebersäfte und Antibiotika wie Amoxicillin-Kindersäfte knapp sind. Eine Störung innerhalb einer hochgradig kostenoptimierten Produktions- und Lieferstruktur reicht aus, um einen alltäglichen medizinischen Bedarf plötzlich zum Versorgungsproblem werden zu lassen. Das Problem: Dieses System ist bereits im Frieden nicht resilient und an Grenzen geraten.

Ein großer Arzneimittel-Produktionsstandort wird Ziel eines gezielten Cyberangriffs. Die Fabrik steht noch. Und trotzdem produziert sie nicht. Andere Anbieter verfügen in einem System ohne Puffer weder über die notwendigen Wirkstoffmengen noch über kurzfristig erweiterbare Produktionskapazitäten. Resilienz entscheidet sich nicht allein am Schutz einzelner Standorte, sondern daran, ob für den Ausfall kritischer Knoten belastbare Alternativen vorbereitet sind.

Ein Frachter havariert an einem wichtigen europäischen Seeweg. Es verdichten sich Hinweise, dass die Havarie absichtlich herbeigeführt wurde. Wirkstoffe aus Asien erreichen europäische Produktionsstandorte nichtTransportzeiten steigen. Häfen, Seewege und Logistikzentren sind Chokepoints – also Punkte, an denen Lieferketten zusammenlaufen. Eine einzige Störung trifft viele Ketten gleichzeitig.

Eine geopolitische Auseinandersetzung spitzt sich zu und ein Verwaltungsakt genügt: China beschränkt die Ausfuhr einer chemischen Vorstufe. Europäische Hersteller können ohne den Ausgangsstoff keine Arzneimittel produzieren. Alternative Lieferanten müssen langwierig gefunden, qualifiziert und regulatorisch eingebunden werden. Die Abhängigkeit von China entpuppt sich als geostrategisches Risiko.

Die Sicherheitslage an der NATO-Ostflanke eskaliert. Bundeswehr und verbündete Streitkräfte benötigen Arzneimittel, Verwundete werden nach Deutschland gebracht – die zivile Versorgung läuft weiter. Transportwege, Energie und Lieferketten sind gleichzeitig beeinträchtigt. Zusätzlicher militärischer Bedarf trifft auf ein System, das bereits ohne externe Störung an seine Grenzen stößt.
Alle Szenarien führen zu einer Konsequenz: Bereits im Frieden muss definiert werden, welche Arzneimittel in den unterschiedlichen Lagen benötigt werden, wo kritische Abhängigkeiten bestehen und welche Fähigkeiten vorhanden sein müssen.

Strategic Advisor Security und Leitender Redakteur security-network.com
Die Bedrohungen treffen auf ein System, das seit Jahrzehnten unter erheblichem Kostendruck steht. Festbeträge, Rabattverträge und intensiver Wettbewerb haben die Versorgung mit Generika hocheffizient – und zugleich wenig resilient gemacht. Zusätzliche Lieferanten, größere Lagerbestände oder alternative Wirkstoffquellen kosten Geld – im normalen Markt werden sie nicht vergütet. Was im Alltag als entbehrliche Reserve erscheint, erweist sich in der Krise als entscheidende Sicherheitsvorkehrung.
Die Deutsche Krankenhausgesellschaft hat 2025 vorgerechnet, was Resilienz für Krankenhäuser kostet. Sie hat analysiert: Welche Fähigkeiten brauchen wir? Was ist vorhanden? Wie groß ist die Lücke? Und was kostet es, sie zu schließen?
Arzneimittelversorgung übertragen, etwa am Beispiel von Amoxicillin. Der europäische Jahresbedarf dieses wichtigen Antibiotikums liegt bei rund 3.670 Tonnen, davon wurden 2020 etwa 1.101 Tonnen in Europa produziert. Eine Verdopplung und damit ein politisches Verfügbarkeitsziel von 60 Prozent würde eine zusätzliche europäische Kapazität von weiteren 1.101 Tonnen jährlich erfordern. Dies ist die Resilienzlücke.
Was es kostet, diese zu schließen, lässt sich anhand des Antibiotikastandorts Kundl in Österreich grob überschlagen. Hier wurden in den vergangenen Jahren erhebliche Summen in den Erhalt und Ausbau europäischer Antibiotikaproduktion investiert. 2025 wurde für rund 12 Millionen Euro eine bestehende Anlage um zusätzliche 200 Tonnen Jahresproduktion eines Antibiotikawirkstoffs erweitert. Das entspricht rund 60.000 Euro Investition je zusätzlicher Tonne Jahreskapazität. Für kritische Arzneimittel lassen sich daraus Resilienzlücken sowie Investitions- und Vorhaltekosten ableiten. Das folgende Beispiel ist keine Kostenprognose, die Rechnung zeigt jedoch den Mechanismus:

Arzneimittelversorgung zum Gegenstand strategischer Vorausschau machen
Kritische Abhängigkeiten in einem Gesamtlagebild zusammenführen
Für kritische Arzneimittel konkrete Vorsorgefähigkeiten definieren
Europäische Produktionsvorsorge für kritische Arzneimittel aufbauen
Arzneimittelproduktion wirtschaftlich ermöglichen und Resilienz als eigenständiges Ziel bei gesundheitspolitischen Vorhaben berücksichtigen
Eine krisenfeste Arzneimittelversorgung entsteht nicht erst im Krisenfall. Sie muss vorher definiert, in Auftrag gegeben und bezahlt werden. Deutschland verfügt über ein gutes Gesundheitssystem und eine leistungsfähige pharmazeutische Industrie. Entscheidend ist, die vorhandenen Fähigkeiten vorausschauend zu planen, kritische Abhängigkeiten zu reduzieren, die erforderlichen Kapazitäten dauerhaft abzusichern und die Akteure der Arzneimittelversorgung mit ihrem Praxiswissen einzubeziehen und an Entscheidungen in diesem Bereich verbindlich zu beteiligen.
KOMMENTAR VON BORK BRETTHAUER

Geschäftsführer von Pro Generika
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