tibor13/Stock-Fotografie-ID:545582736
tibor13/Stock-Fotografie-ID:545582736

Masterplan für eine stabile Versorgung

Wie sich das Risiko von Arzneimittelengpässen reduzieren lässt

Ein Jahr lang haben die Mitgliedsunternehmen von Pro Generika gemeinsam mit dem Beratungsunternehmen Sarticon die Ursachen von Lieferengpässen analysiert.

Das Ergebnis ist der Masterplan. Er ist keine Gießkanne und keine Flickschusterei, sondern unterscheidet systematisch zwischen unterschiedlichen Versorgungslagen.

Lesen Sie hier, welche gezielten Maßnahmen der Masterplan vorschlägt, um die Versorgung zu stabilisieren.

Die wichtigsten Infos und Erkenntnisse gibt es als übersichtliches Factsheet zum Masterplan hier zum Download.

Das Problem: Arzneimittelengpässe

Krebsmittel, Antibiotika, Antidepressiva: Seit Jahren kommt es in Deutschland immer wieder zu Arzneimittelengpässen. Ursache ist der politisch gewollte Kostendruck, der seit Jahrzehnten auf den Generikamarkt wirkt. Für bestimmte generische Arzneimittel gibt es inzwischen nicht mehr genug Hersteller – ohne dass Politik und Behörden dem bislang wirksam entgegengewirkt hätten.

 

Das muss sich ändern. Hersteller müssen ihre Kapazitäten ausbauen können, und Unternehmen müssen wieder in die Versorgung kommen. Dieser Masterplan enthält Maßnahmen gegen akute Engpässe, formuliert Anreize für mehr Produktion und beschreibt Rahmenbedingungen für die Generika-Branche, die künftige Knappheiten verhindern können.

 

Die Ursache: Unwirtschaftliche Produktion

Engpässe entstehen, wenn es nicht mehr genügend Hersteller gibt, die bestimmte Arzneimittel produzieren. Das ist dann der Fall, wenn gesundheitspolitische Regulierungsinstrumente – Rabattverträge, Festbeträge, Preismoratorium und die „4-günstigste-Regel“ – die Preise unter die Wirtschaftlichkeitsgrenze drücken und ein Großteil der Hersteller den Markt verlässt.

 

Versorgungssicherheit gibt es nur, wenn mehrere Hersteller pro Arzneimittel im Markt sind. Nur dann können vorübergehende Lieferausfälle einzelner Anbieter aufgefangen werden. Je nach Lage müssen entweder neue Hersteller gewonnen oder bestehende im Markt gehalten werden. Das gelingt nur über gezielte Anreize und einen wirtschaftlich attraktiven Markt.

 

Getty/1217813580

Bisherige Lösungsversuche:

Keine Effekte – aber ein Lichtblick

Um auf Arzneimittelengpässe zu reagieren, hat der Gesetzgeber in den vergangenen Jahren verschiedene Maßnahmen ergriffen, darunter das 2023 verabschiedete Lieferengpassgesetz ALBVVG. Wirkung zeigte es allerdings nur bei Kinderarzneimitteln. Das überrascht nicht: Nur hier wurden Rabattverträge und Festbeträge verboten und die Preise vorläufig deutlich erhöht.

 

Bei allen anderen Arzneimitteln blieb das ALBVVG wirkungslos, da es keine ausreichenden Anreize setzt, um Produktion auszuweiten oder Hersteller im Markt zu halten.

 

Der Ansatz des Masterplans

Der Masterplan von Pro Generika folgt einem einfachen Grundprinzip:

Nicht jedes Arzneimittel ist gleichermaßen von Engpässen bedroht. Deshalb braucht es differenzierte Maßnahmen – abhängig von der jeweiligen Versorgungslage.

 

Drei Versorgungslagen – drei Maßnahmen

Je nachdem, wie gut oder schlecht ein Medikament verfügbar ist, unterscheidet der Masterplan drei sogenannte Versorgungslagen: angespannt, wacklig und desolat.

Desolate Versorgungslage:

Ein akuter Engpass: Das Medikament ist zeitweise nicht oder nur eingeschränkt verfügbar und das BfArM hat einen Versorgungsengpass festgestellt.

Beispiel: Das Brustkrebsmittel Tamoxifen

 

Wacklige Versorgungslage

Es kommt bereits vereinzelt zu Lieferausfällen, die Versorgung hängt von einigen, wenigen Anbietern ab – oder das Medikament ist laut BfArM versorgungskritisch.

Beispiel: Das Diabetesmittel Metformin

 

Angespannte Versorgungslage

Ein Medikament ist verfügbar – aber nur mit wenigen Herstellern und ohne echte Puffer.

Beispiel: Das Bluthochdruckmittel Amlodipin

 

Das bedeutet:

 

Je schlechter die Versorgung, desto entschlossener müssen die Maßnahmen ausfallen.

Nach dieser Logik wird klar, an welchen Stellen Maßnahmen nötig sind, wie stark diese ausfallen müssen und wo Eingriffe nicht erforderlich sind.

 

Was der Masterplan konkret vorsieht


Desolate Versorgungslage: Notstand abwenden

Bei akuten Versorgungsengpässen* sind Notfallmaßnahmen erforderlich. Ziel ist es, kurzfristig wieder mehr Anbieter zur Produktion zu bewegen. Dafür müssen bestehende Kostensenkungsinstrumente temporär außer Kraft gesetzt werden.

* Arzneimittel mit kundgemachtem Versorgungsengpass nach § 79 Abs. 5 bzw. §§ 10/11 AMG

Maßnahmen für Arzneimittel mit desolater Versorgungslage:

  • Sofortiges Aussetzen von Rabattverträgen, da diese nur mit den billigsten Herstellern geschlossen werden und andere aus dem Markt drängen.

  • Befristetes Verbot neuer Rabattverträge, um Planungssicherheit für zurückkehrende Anbieter zu schaffen.

  • Deutliche Anhebung der Basispreise (um bis zu 100 Prozent), um die Produktion wieder wirtschaftlich zu machen.

Wacklige Versorgungslage: Lage stabilisieren

Treten bereits einzelne Ausfälle auf**, ohne dass ein flächendeckender Engpass besteht, geht es um Stabilisierung. Ziel ist es, die verbliebenen Hersteller im Markt zu halten und weitere Rückzüge zu verhindern.

** bzw. geht es um Generika, die vom BfArM als „versorgungskritisch“ gemäß 52b Absatz 3c AMG eingestuft wurden oder die das Frühwarnsystem meldet.

Maßnahmen für Arzneimittel mit wackliger Versorgungslage:

  • Keine neuen Rabattverträge, da diese nur mit den billigsten Herstellern geschlossen werden und andere aus dem Markt drängen.

  • Nutzung von Open-House-Modellen, bei denen potenziell alle Hersteller zum Zuge kommen und trotzdem Einsparungen generiert werden.

  • Moderate Anhebung der Basispreise (um bis zu 50 Prozent), um wirtschaftliche Spielräume zu schaffen.

Angespannte Versorgungslage: Rahmenbedingungen verbessern

Wo es noch keine Engpässe gibt, steht Prävention im Vordergrund. Ziel ist es, Rahmenbedingungen zu schaffen, die Vielfalt und Stabilität dauerhaft ermöglichen.

Maßnahmen für Arzneimittel mit angespannter Versorgungslage:

  • Flexibilisierung der 6-Monats-Vorratspflicht, da sie eine hohe Markteintrittshürde darstellt.

  • Erweiterung der Zuschlagskriterien bei Ausschreibungen: Neben dem Preis sollen künftig auch Maßnahmen zur Liefersicherheit berücksichtigt werden.

  • Anpassung des starren Festbetragssystems, das Preise dauerhaft unter die Wirtschaftlichkeitsgrenze drückt.

  • Faire Verteilung der Versorgungsrisiken, indem auch die Krankenkassen stärker in die Verantwortung einbezogen werden.

Und so wirkt der Masterplan bei konkreten Wirkstoffen:

Was der Masterplan kostet

 

Nach Berechnungen der zugrunde liegenden Studie belaufen sich die Mehrkosten für die gesetzlichen Krankenkassen auf:

rund 310 bis maximal 600 Millionen Euro pro Jahr.

Diese Kosten entstehen gezielt bei Arzneimitteln, deren Versorgung heute instabil oder akut gefährdet ist. Für Medikamente mit angespannter, aber noch stabiler Versorgungslage sind die Maßnahmen dagegen überwiegend kostenneutral – abgesehen von gezielten Anpassungen wie einem Inflationsausgleich oder Anreizen für mehr europäische Produktion.

 

Methodik: Wie der Masterplan erarbeitet wurde

 

Grundlage des Masterplans ist eine umfassende Studie, die Pro Generika gemeinsam mit dem Beratungsunternehmen Sarticon durchgeführt hat. In einem einjährigen Projekt wurden die wirtschaftlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen generischer Arzneimittel systematisch analysiert.

Die Methodik umfasste Markt- und Datenanalysen zur Herstellerstruktur, Experteninterviews entlang des gesamten Generika-Lebenszyklus, die Auswertung regulatorischer Instrumente und ihrer Wirkung auf die Wirtschaftlichkeit sowie eine gesonderte Betrachtung versorgungskritischer Wirkstoffe, unter anderem auf Basis von BfArM-Kriterien.

 

Ziel war es:

Identifizieren, wo und warum die wirtschaftliche Grundlage der Produktion wegbricht – und welche regulatorischen Anpassungen den größten Beitrag zur Stabilisierung der Versorgung leisten können.

Fazit

 

Arzneimittelengpässe sind kein Zufall. Sie entstehen dort, wo sich die Produktion dauerhaft nicht mehr rechnet und Hersteller den Markt verlassen.

Der Masterplan von Pro Generika setzt genau an dieser Stelle an:

Er unterscheidet systematisch zwischen unterschiedlichen Versorgungslagen und schlägt gezielte Maßnahmen vor, um die Versorgung zu stabilisieren.

 

 

 

Der Pro Generika-Masterplan für eine stabile Versorgung

Risikoadjustiert statt Gießkanne: Das sind die Masterplan-Maßnahmen gegen Lieferengpässe im Detail.

Hier geht's zur Studie

Alle Maßnahmen auf einen Blick: Das Factsheet zum Masterplan.

Hier geht's zum Factsheet