Aktionsplan-Lieferengpässe


So lässt sich die Arzneimittel-Versorgung in Deutschland verbessern und der Produktionsstandort Europa stärken

Kommt derzeit ein Patient in die Apotheke, erlebt er zuweilen folgende Szene: Das Medikament, das auf seinem Rezept steht, ist nicht vorrätig. Der Apotheker sucht im Computer, telefoniert – und am Ende bekommt er ein anderes Präparat mit demselben Wirkstoff. Das Problem war: ein Lieferengpass.

In der Regel können fehlende Arzneimittel problemlos durch ein anderes ersetzt werden. Und doch kam es in der Vergangenheit immer mal wieder auch zu Versorgungsengpässen – der Situation also, dass ein Arzneimittel knapp war und es keine Alternative dafür gab. Das war umso dramatischer, als es Krebsmedikamente und Reserveantibiotika betraf.

Die Lage ist angespannt. Denn am Generika-Markt hat sich eine Situation gebildet, in der immer weniger Hersteller die Versorgung von immer mehr Patienten sichern müssen. Wirkstoffe werden kaum noch in Deutschland oder Europa produziert, sondern zum größten Teil in indischen und chinesischen Fabriken eingekauft. Die Lieferketten in dieser hochkomplexen Industrie sind sensibel, anfällig für Störungen – und das kann, so sehen wir es heute, unangenehme Folgen für die Versorgung haben.

Besonders problematisch sind in diesem Zusammenhang Rabattverträge im Exklusivmodell. Dieses Modell, bei dem eine Krankenkasse einen Vertrag mit nur einem Hersteller abschließt und dieser dann allein die Versorgung aller bei dieser Kasse Versicherten schultert, hat die Versorgung labiler und leider auch unsicherer gemacht. Wie eine bisher unveröffentlichte Studie des IGES-Instituts im Auftrag von Pro Generika ergeben hat, führen Rabattverträge mit nur einem Hersteller zu mehr Problemen bei der Lieferfähigkeit.  So war im Jahr 2017 die Zahl der Fälle, in denen ein anderes als das rabattierte Medikament herausgegeben werden musste, bei Exklusiv-Rabattverträgen dreimal so hoch wie bei Verträgen mit zwei oder drei Herstellern.

Was also können wir tun?

Um die Ursachen des Problems zu beheben, ist es wichtig, dass alle Akteure gemeinsam vorgehen. Wir sollten deshalb erste Schritte wagen – in die Richtung eines gemeinsamen Ziels, das die sicherere und bessere Versorgung der Menschen in Deutschland ist.

Schritt 1: Die Versorgung auf mehrere Schultern verteilen

Ist nur ein Hersteller für die Versorgung der Patienten mit Arzneimitteln verantwortlich, kommt es zu Problemen, wenn dieser nicht liefern kann. Kein Unternehmen kann kurzfristig einspringen und aus dem Nichts ein Medikament produzieren, das es vorher nicht im Portfolio hatte. In den Rabattverträgen, die die Krankenkasse mit den Unternehmen abschließen, müssen deshalb mindestens drei Hersteller berücksichtig werden. Viele Verantwortliche aus Politik und Versorgung haben diese Forderung inzwischen gestellt, denn: Nur so können sich die Hersteller im Ernstfall gegenseitig stützen.

Schritt 2: Mehr „Made in Europe“

Nur wenn wir die Arzneimittelproduktion in Europa stärken, verringern wir das Problem sensibler Lieferketten und der Abhängigkeit von Schwellenländern. Das aber ist kein Schritt, den die Industrie alleine gehen kann. Wie eine Studie der Unternehmensberatung Roland Berger gezeigt hat, ist die Produktion etwa eines Antibiotikums in Europa angesichts des derzeitigen Preisniveaus für kein Unternehmen wirtschaftlich zu betreiben.

Deshalb sind hier alle Akteure gefragt – in Deutschland und in Europa. Auf EU-Ebene sind wir bereits erste Schritte gegangen: Die Verabschiedung des „SPC Manufacturing Waiver“ in diesem Jahr hat einen wesentlichen Hemmschuh der europäischen Arzneimittelproduktion behoben. Bislang ist es Generikaunternehmen nämlich verboten, vor Ablauf des Patents in Europa zu produzieren. Eine Regelung zum Schutze des geistigen Eigentums, die mit dazu beigetragen hat, dass die Produktion systematisch ins außereuropäische Ausland verlagert wurde. Immerhin:  Ab 2022 dürfen die Unternehmen nunmehr hierzulande produzieren, was sie zum Tag des Patentablaufs auch hierzulande verkaufen wollen.

Eine konkrete Gelegenheit, den Produktionsstandort Europa voranzutreiben, könnte sich bieten, wenn die Bundesregierung in der zweiten Jahreshälfte 2020 die EU-Ratspräsidentschaft übernimmt: Sie sollte das Thema auf ihre Agenda der Ratspräsidentschaft setzen. Gemeinsam mit der EU-Kommission, dem Europäischen Parlament und den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union sollten Lösungen zur Stärkung der Produktion von Arzneimitteln „Made in EU“ erarbeitet werden.

Schritt 3: Mehr Anreize für Generika-Unternehmen schaffen

Erst kürzlich hat die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA die Ursachen von Lieferengpässen analysiert und als wichtigsten Grund die Unterfinanzierung der Grundversorgung festgestellt. Es gebe, so die FDA, keine Anreize für Hersteller, weniger profitable Arzneimittel herzustellen. Dabei gehe es insbesondere um Hersteller solcher Generika, die schon länger auf dem Markt sind und zu einem niedrigen Preis verkauft werden. Es seien genau diese Firmen, die unter dem starken Wettbewerb litten. Tatsächlich liegt der Preis für ein Generikum in Deutschland bei sechs Cent. Generika decken 78 Prozent des Bedarfs, machen für die Kassen aber weniger als zehn Prozent der realen Arzneimittelausgaben aus.

Das Problem aber ist: Für sechs Cent können Unternehmen nicht dauerhaft rentabel arbeiten und die Versorgung absichern. Und für diesen Preis bekommen sie nicht einmal die – ohnehin raren – Wirkstoffe nach Deutschland. Denn auf dem Weltmarkt konkurrieren die Europäer nunmehr mit anderen Ländern, die inzwischen auch in gute Gesundheitssysteme investieren und deutlich mehr Geld für ihre Arzneimittelversorgung bezahlen. Und so haben europäische Arzneimittelhersteller ein völlig neues Problem in der Welt: Sie bekommen die Wirkstoffe, die sie für die Arzneimittelherstellung brauchen, gar nicht nach Europa.

Fazit:

Die Lage ist ernst, die Ursachen für Arzneimittelengpässe sind vielfältig und eine schnelle Lösung ist nicht in Sicht. Aber es gibt kurzfristige Schritte, die alle für die Versorgung der Patienten Verantwortlichen ergreifen können. Denn das Ziel ist klar: Die Arzneimittelversorgung in Deutschland muss wieder zuverlässig und sicher werden. Und erste, wirksame Schritte dazu sollte die Politik jetzt anpacken.