Arzneimittel-Lieferengpässe: Brauchen wir mehr Produktion in Europa?

Immer öfter werden Arzneimittel knapp. Das Problem der Lieferengpässe ist seit Jahren ein brennendes Problem, das durch die Gesundheitskrise um Covid-19 jetzt auch im öffentlichen Bewusstsein angekommen ist. Die Politik will handeln und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat sich im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft vorgenommen, die Produktion von kritischen Arzneimitteln nach Europa zurück zu verlagern. Er will mehr Unabhängigkeit für Europa.

Wie realistisch aber ist das? Wie kann die Produktion in Europa gestärkt werden? Und was ist der Weg – denn darum muss es uns zuallererst gehen – in Richtung mehr Versorgungssicherheit?

Es lohnt ein Blick auf die Ursachen. Denn die liegen in einer Entwicklung, die strukturell ist und somit nur schwer umkehrbar scheint. In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist es mehr und mehr zu einer Abwanderung der Produktion nach Asien bekommen. Das betrifft Wirkstoffe und zunehmend auch Fertigarzneimittel. Treiber des Prozesses waren der staatlich gelenkte Aufbau von Industrieproduktion in China, der steigende Bedarf nach Arzneimitteln auch in Asien, der Preis- und Kostendruck in nationalen Gesundheitssystemen sowie regulatorische Auflagen in Deutschland z.B. im Bereich Umwelt.

Das Ergebnis ist eine hohe Abhängigkeit von Indien und China – gerade bei Wirkstoffen und Fertigarzneimitteln, die häufig und in großen Volumen benötigt werden. Die Corona-Krise hat es gezeigt: Lieferketten sind weit verzweigt, hochsensibel und anfällig bei Störfällen.

Wird aber die Rückverlagerung der Produktion nach Europa das Problem beheben und die Abhängigkeit beheben?

Die Antwort ist ja und nein zugleich. Denn: Aufgrund der Komplexität der Ausgangslage gibt es nicht die eine tragfähige Lösung. Mehr „Made in Europe“ kann ein Baustein für mehr Versorgungssicherheit sein. Eine europäische Autarkie bei der Arzneimittel- und Wirkstoffproduktion ist nicht realistisch. Und vor allem auch nicht erstrebenswert. Vielmehr ist es  wichtig, nicht nur die heimische Produktion im Blick zu haben. Es muss uns auch vor allem um mehr Resilienz in den Lieferketten gehen. Auf folgenden Ebenen sollten wir ansetzen:

Ebene 1: Ausbau der existierenden Infrastruktur

Die Covid-19-Krise hat gezeigt: Viele – etwa auf den Intensivstationen benötigte Arzneimittel – werden in Europa hergestellt. Die Arzneimittel- und Wirkstoffproduktion in Europa hat sich in der Krise als insgesamt robust erwiesen: Kein Patient blieb unversorgt.

Pro Generika legt in Kürze eine Studie vor, die erstmals zeigt, wo welche Wirkstoffe weltweit produziert werden. Diese kann Grundlage für einen Diskurs über den möglichen Ausbau bestehender Wirkstoffherstellungsstätten (z.B. in Europa) sein. Gleichzeitig brauchen wir Mechanismen, die Abwanderung und weitere Erosionserscheinungen des Standorts Europa aufhalten.

Außerdem hat Pro Generika eine Konferenz initiiert, die Teil des assoziierten Programms der Deutschen EU-Ratspräsidentschaft 2020 ist. Die Digitalkonferenz am 7. Oktober  trägt den Titel „Für ein gesundes Europa. Stärkung der Versorgungssicherheit und Arzneimittelproduktion in Europa“ und wird von FAZ-Konferenzen organisiert. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn wird die Konferenz eröffnen, teil nehmen Vertreter von Industrie, Krankenkassen, Patientenvereinigungen, und der Europa-Politik wie EU-Binnenmarkt-Kommmissar Thierry Breton.

Ebene 2: Definition versorgungskritischer Wirkstoffe, die hierzulande produziert werden sollen

Die Politik muss festlegen, bei welchen versorgungskritischen Arzneimitteln und Wirkstoffen Europa ein Stück unabhängiger werden möchte. Wenn das einmal definiert ist, ist zu prüfen, was davon schon hier produziert wird und was es braucht, um die entsprechenden Standorte zu stärken.

Ebene 3: Etablierung von Maßnahmen, die mehr Diversifizierung ermöglichen

De-Globalisierung löst das Problem nicht. Es muss um De-Risking gehen. Dass der überwiegende Anteil von Wirkstoffen und Arzneimitteln im Ausland hergestellt wird, ist weniger das Problem, als dass sie fast ausschließlich in wenigen Regionen Indiens und Chinas hergestellt werden. Dadurch entsteht ein Klumpenrisiko, das es nun aufzuweichen gilt.

Gefragt ist jetzt: eine sinnvolle Gesamtstrategie!

Für die Stärkung von Produktion und Versorgungssicherheit braucht es nunmehr einen umfassenden und langfristig angelegten Ansatz. Dabei gilt es, alle Bereiche in den Blick zu nehmen, die strukturell für das Problem verantwortlich sind. Einzelne Finanzspritzen oder Subventionen lösen kein Strukturproblem. Deshalb ist jetzt wichtig:

  • Nicht nur industriepolitisch denken! Die alleinige finanzielle Unterstützung von Produktion (etwa durch Subventionen) greift zu kurz, denn sie ignoriert die Nachfrageseite: Wo ein Produkt ist, muss auch ein Abnehmer sein!
  • Auch die Nachfrageseite in den Blick nehmen! So lange sich die Krankenkassen auf den niedrigsten Preis fokussieren müssen, werden europäische Produkte nicht wettbewerbsfähiger.
  • Auf regulatorischer Ebene aktiv werden! Wer seine Lieferkette robuster machen will (etwa durch Aufnahme eines zweiten Wirkstofflieferanten), sollte das ohne regulatorische Mehrkosten und großen regulatorischen Aufwand tun können, und auch die Abnehmer müssen den Mehraufwand anerkennen.

Bei all dem ist ein grundsätzliches Umdenken gefragt, denn diese Schritte werden Geld kosten. Zu lange ging es in der Gesundheitspolitik nur darum, an der Grundversorgung zu sparen. Immer mehr Effizienz führte zu Abstrichen bei der Versorgungssicherheit. Jetzt brauchen wir eine neue Balance zwischen Effizienz und Resilienz.

Der Markt bereit sein, höhere Preise zu zahlen. Erst dann werden europäische Produktion und resiliente globale Lieferketten auch wettbewerbsfähig sein. Für sechs Cent pro Tag – so niedrig sind derzeit Durchschnittskosten für ein Generikum – wird mehr Stabilität nicht machbar sein.

Die Mehrheit der Deutschen hat das schon begriffen. Eine Forsa-Umfrage im Auftrag der Robert-Bosch-Stiftung hat kürzlich gezeigt, dass 92 Prozent der Bundesbürger für mehr Arzneimittelproduktion in Europa auch höhere Preise in Kauf nehmen. Die große Mehrheit im Land hat akzeptiert:  Mehr Versorgungssicherheit wird auch mehr Geld kosten, denn stabilere Lieferketten sind nicht zu haben, solange das Motto „Hauptsache billig“ heißt.

Was etwa die Rückverlagerung der Antibiotika-Produktion nach Europa kosten würde, hat die Unternehmensberatung Roland Berger am Beispiel der Cephalosporine ausgerechnet und Wege aufgezeigt, wie die Produktion hierzulande gestärkt werden könnte. Die Studie von 2018 können Sie hier abrufen.