„Am laufenden Band“
Die meisten Antibiotika werden heute in Asien hergestellt. Doch es gibt auch noch europäische Werke. Eines davon steht am Rande Europas.

Die meisten Antibiotika werden heute in Asien hergestellt. Doch es gibt auch noch europäische Werke. Eines davon steht am Rande Europas.
Im portugiesischen Labesfal laufen die lebensrettenden Medikamente vom Band. Unermüdlich trotzt die Fabrik der Konkurrenz aus Fernost. Sie kann ein Beispiel für viele andere sein. Wenn – ja, wenn die Politik das will.
Präzise bewegen sich Roboterarme durch die Luft, fassen surrend nach Flaschen, während brummende Maschinen Packungsbeilagen im Sekundentakt falten. In dicke Schutzanzüge verpackt stehen Arbeiterinnen an den Bändern, ihre Blicke prüfen jede Flasche. Es geht so hochkonzentriert zu wie bei einer Abi-Prüfung, trotz des Lärms wie auf einem Bahnhof.
Rund um die Uhr geht das hier so mit dem Surren, Brummen und Prüfen. Ohne Pause rauschen die braunen Flaschen übers Band. Darin sind die Antibiotika, die wir in unseren Krankenhäusern brauchen.



In Labesfal, im Herzen Portugals, produziert die Firma Fresenius Kabi (Teil der Fresenius-Gruppe) als einer der letzten großen Hersteller noch Antibiotika in Europa. Doch im Unterschied zu vielen anderen erledigen sie hier nicht nur die letzten Produktionsschritte. Selbst der notwendige Wirkstoff stammt aus einer eigenen Produktion im italienischen Rovigo.
„Cephalosporine der zweiten und dritten Generation“ oder „PipTaz“ – so heißen die Antibiotika, die sie hier herstellen. Es sind Mittel, die bei schweren Infektionen zum Einsatz kommen, wenn nichts anderes mehr hilft.
Gerade auf PipTaz – eine Kombination aus den Wirkstoffen Piperacillin und Tazobactam – kommt es im Ernstfall an. Denn es schlägt sofort an. Man bekommt es, wenn es im Krankenhaus keine Zeit mehr für Analysen oder Blutbilder gibt. Wenn die Ärzte nur einen Versuch haben, um ein Leben zu retten. Während die Keime schon längst eine Resistenz gegen andere Antibiotika entwickelt haben und die Behandlung deshalb wirkungslos sein könnte. PipTaz wirkt. Resistenzen sind selten. Das macht es so einzigartig. Und so kostbar.



Für sie alle tropft PipTaz aus den Beuteln neben ihren Betten in den Schlauch. Über die Vene gelangt das lebensrettende Antibiotikum auf direktem Weg in den Körper.
Würden solche Antibiotika ausschließlich aus Asien kommen, wäre das gefährlich: Ein Erdbeben in einer Produktionsregion in China oder Indien, ein verkeilter Frachter im Suezkanal, eine Pandemie, geopolitische Auseinandersetzungen, plötzlicher Protektionismus – wir müssten stets sofort um unsere Versorgung bangen.

„Antibiotika wie PipTaz sind nicht ersetzbar. Umso wichtiger also, dass diese (über)lebensnotwendigen Notfall-Antibiotika produziert werden – und zwar hier in Europa.“
Doch Antibiotika-Hersteller sind in Europa eine rare Spezies – geradezu vom Aussterben bedroht. Nicht mehr viele Unternehmen wagen es, in diesem Bereich tätig zu sein. Zu groß sind die Risiken, zu gering die Erlöse.
„Antibiotika sind bloß noch Cent-Artikel. Deshalb sind viele europäische Hersteller aus der Produktion ausgestiegen“, so Holzgrabe. „Das hat zu einer immensen Abhängigkeit von chinesischen Herstellern geführt. Diese haben ja weniger Auflagen, werden staatlich gepusht und können deutlich billiger anbieten“, erklärt sie.
Das sieht auch David Jauch so. Er ist bei Fresenius als Vice President Government Affairs & Public Policy tätig. „Was wir wirklich brauchen, sind faire Wettbewerbsbedingungen. Wir können nicht in der EU produzieren und mit den Preisen von Nicht-EU-Herstellern konkurrieren, wenn wir gleichzeitig Vorgaben erfüllen müssen, die für unsere Mitbewerber eben nicht gelten.“

In Labesfal sind selbst die Beutel mit Desinfektionsmitteln dreifach eingeschweißt. Jede Schicht darf in präzise festgelegter Reihenfolge in Reinräumen mit immer strengeren Vorschriften geöffnet werden. „Jeder noch so kleine Schritt ist exakt definiert, wir haben Vorschriften für alles“, betont Jorge Bandeira. Allein 15 Minuten dauert es, bis er erklärt hat, wie der Verschluss der Glasflaschen durch die Fabrik reist, bis er steril genannt werden darf.
Während sich Hersteller aus Europa zurückziehen, haben China und Indien in den vergangenen Jahren ihre Produktionskapazitäten von Antibiotika massiv ausgebaut.
Die Folge: Nur noch ein Fünftel sämtlicher Fabriken, die Antibiotika-Wirkstoffe für den europäischen ,1 produzieren, hat seinen Sitz auch in Europa.
Der weitaus größte Teil der Herstellungsstätten befindet sich inzwischen in Asien. Indien kommt auf 62 solcher Anlagen – und China sogar auf 110.
Die wenigen anderen Produktionsstandorte für Europa verteilen sich auf viele Staaten. Mexiko etwa zählt vier Werke – und die USA und Brasilien jeweils eines.
Stand: November 2024
Vor 20 Jahren war das Verhältnis noch genau umgekehrt. In Europa produzierten weit mehr Hersteller Antibiotika als in Asien: keine Goldgrube, aber ein auskömmliches Geschäft. Doch China erkannte früh die strategische Relevanz von Antibiotika. Bereits in den 1980-er Jahren wurde teils mit massiver staatlicher Unterstützung in eigene Werke investiert. Riesige Antibiotika-Fabriken wurden so aus dem Boden gestampft. Vergleichsweise günstig entstanden auf diesem Weg enorme Kapazitäten für den chinesischen Markt – exportiert wurde nur der Überschuss. Doch das war genug, um hier die Preise zu ruinieren.
Dieser Trend, kombiniert mit einem unbedingten Sparwillen im deutschen Gesundheitswesen, ließ die Preise der kritischen Medikamente rapide sinken. Und die Abhängigkeit Europas von Asien steigen.
„Die Folgen für unsere Versorgung sind fatal: Wir erleben Engpässe bei lebenswichtigen Antibiotika”, sagt Prof. Dr. Holzgrabe. „Und ich mag mir nicht ausmalen, was passiert, wenn die Chinesen unsere Abhängigkeit politisch ausnutzen und nicht mehr liefern. Dann sterben hier wahrscheinlich Menschen.”
Wie die chinesische Konkurrenz setzen auch die verbliebenen europäischen Werke auf maximale Effizienz. Ihr Geschäft funktioniert maßgeblich über Skaleneffekte, sprich: große Volumina. Denn die Preise sind niedrig.
So liegt der Marktpreis für eine handelsübliche Dosis PipTaz in Deutschland laut Daten von IQVIA knapp unter drei Euro. Für manche Cephalosporine liegt der Preis pro Dosis bei 50 Cent. Die Einkaufsgemeinschaften der Krankenhäuser verhandeln mit den Unternehmen darauf noch mal Preisnachlässe. Beim Hersteller kommt nur ein Bruchteil dieser Beträge an. Dieses Spiel halten nicht viele Hersteller durch.
Das Problem daran: Je weniger Anbieter, desto größer die Gefahr von Lieferengpässen. Meist geht das gut. Doch fällt einer weg, wackelt direkt die Versorgung. 2016 passierte genau das. In China explodierte ein Werk, das mehr als die Hälfte des weltweiten Bedarfs an PipTaz produzierte. Die Versorgung brach ein. Da war es gut, dass wenigstens Fresenius Kabi weiter liefern konnte. Hier produzierte man PipTaz zu diesem Zeitpunkt bereits ausschließlich europäisch.

„Europäische Produktion ist ein wichtiger Baustein für Versorgungssicherheit und sollte ein wichtiges Kriterium beim Einkauf von Wirkstoffen sein.“
Prof. Dr. Frank Dörje erinnert sich. Er war damals Mitglied des Vorstands des Landesverbands Bayern und des Bundesverbands Deutscher Krankenhausapotheker (ADKA).
„Wir haben damals sehr schmerzhaft spüren müssen, was es bedeutet, wenn aufgrund eines Unfalls in einem chinesischen Produktionswerk von heute auf morgen 70 Prozent der weltweiten Wirkstoffproduktion wegbrechen“, sagt der heutige Chefapotheker des Uniklinikums Erlangen.
Er zieht eine klare Lehre aus der Krise:
„Auch aus geopolitisch-strategischer Sicht ist eine solche Abhängigkeit, heute mehr denn je, als ungesund zu bezeichnen. Europäische Produktion ist ein wichtiger Baustein in puncto Versorgungssicherheit und sollte ein wichtiges Kriterium beim Einkauf von Wirkstoffen sein. Wir können nicht nur möglichst billig einkaufen“, betont er.
Das sah 2023 auch der damalige Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) ein. Mit dem Anti-Engpass-Gesetz ALBVVG wollte er unter anderem Antibiotika-Hersteller in Europa stärken. Der Aufbau neuer Werke dauere Monate, sagte er. Man werde schnell erste Erfolge sehen.

Jahre später ist kein einziger Hersteller von Antibiotika neu hinzugekommen.

„Wir arbeiten gemeinsam daran, die Produktion kritischer Arzneimittel in Europa zu fördern. Konkrete Maßnahmen gibt es zwar bislang nicht, aber es gibt Hoffnung. Und das ist mehr als zuvor.”
Hoffnung macht ein anderes Werk: 1774 Kilometer und fast 24 Autostunden von Labesfal entfernt liegt Kundl in Österreich. Dort wurde 2024 ein neues Werk für die Produktion von Penicillin eröffnet – auch dank substanzieller staatlicher Unterstützung. Für zehn Jahre hat sich das Unternehmen Sandoz verpflichtet, von dort aus Europa zu versorgen. Ein Lichtblick.

„Will die Politik Produktionsanlagen in Europa ausbauen, muss sie zwei Dinge tun: Unternehmen gezielt unterstützen und für auskömmliche Preise sorgen.”
Das aber kann nur funktionieren, wenn der Markt auch auskömmliche Preise bezahlt. „Für eine stabile Versorgung müssen wir auch darauf achten, dass zumindest ein bedeutender Anteil unserer versorgungskritischen Arzneimittel in Europa produziert wird“, so Apotheker Prof. Dr. Frank Dörje. „Das kostet gegebenenfalls mehr, aber das muss uns die Versorgungssicherheit wert sein.“
Und Bork Bretthauer, Geschäftsführer von Pro Generika, fügt hinzu: „Niemand will hochsubventionierte Zombie-Fabriken in Europa aufbauen, für deren Arzneimittel es keine Abnehmer gibt. Aber ungleiche Bedingungen begünstigen nur chinesische Hersteller und verhindern gleichzeitig Investitionen europäischer Unternehmen in mehr Liefersicherheit. Will die Politik gezielt Produktionsanlagen in Europa ausbauen, muss sie zwei Dinge tun: Unternehmen gezielt unterstützen und für auskömmliche Preise sorgen.“
Jorge Bandeira lässt den Blick über die portugiesischen Hügel schweifen. Was er sieht: Platz für weitere Werkhallen. Denn gleichzeitig gebe es weitere Antibiotika, die nicht fehlen dürfen. „Wir haben das Know-how und hoch motivierte Mitarbeitende. Hier in Labesfal könnten wir noch mehr produzieren“, sagt er.
Die Kalkulation muss nur aufgehen.
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